Historie in Linz: Für sechs Jahre „Nabel der Welt“ am Rhein

Historie in Linz : Für sechs Jahre „Nabel der Welt“ am Rhein

Eine Ausstellung in der Linzer Stadthalle informiert über den ehemaligen preußischen Kreis Linz von 1816 bis 1822.

Weltuntergang? Jedenfalls wurde 1815 mit dem Wiener Kongress das Rheinland preußische Provinz. Und ein Jahr später entstand der preußische Kreis Linz. Auch wenn er nur eine Episode über eine Zeitspanne von sechs Jahren blieb, so ist dem Ereignis doch 200 Jahre später eine Ausstellung in der Stadthalle gewidmet, die am Samstag von Bürgermeister Hans Georg Faust eröffnet wurde – im Beisein etlicher Gäste auch aus den alten Bürgermeistereien Unkel, Linz und Leutesdorf. Faust konnte auch den Bundestagsabgeordneten Erwin Rüddel „aus dem fernen nachpreußischen Berlin“ begrüßen.

Stadtbürgermeister Gerhard Hausen aus Unkel erinnerte an die Weltuntergangsstimmung, die 1816 herrschte, als nach mehreren Missernten seit 1810 nun endgültig Land unter war – mit überfluteten Äckern nach wochenlangen Regenfällen, mit faulendem Gras und Heu, einer mageren Weinernte, krankem Vieh und hungernden Menschen. 1817 war es nicht besser. Und ja, die Linzer trauerten auch noch den guten alten Zeiten unter dem Krummstab des Erzbischofs nach. Hausen: „Aber letztlich überwog doch die Verlässlichkeit der Verhältnisse, die zu wieder wachsendem Wohlstand führte.“ Erster Kreisbeigeordneter Achim Hallerbach unterstrich: „Ich möchte nicht verhehlen, dass die ,Verpreußung‘ des Rheinlandes nicht nur einvernehmlich und ohne Konflikte vonstattenging. Man musste sich sozusagen zusammenraufen.“

Ein Wimpernschlag in der Geschichte

Dass der Kreis Linz nur ein Wimpernschlag in der Geschichte blieb, hat einen banalen Grund: Die Verwaltung des Kreises Neuwied war unterbeschäftigt. So wurde Linz mit Neuwied zusammengeführt und der Linzer Landrat Philipp von Hilgers noch für 29 Jahre Landrat von Neuwied. Stadtarchivarin Andrea Rönz, die auch die sehenswerte Präsentation samt Broschüre zum Thema erstellt hat, hielt den Festvortrag. Auch sie sprach von einem „Kulturschock“, den wohl beide Seiten, Preußen und Rheinländer, beim Aufeinandertreffen empfunden hätten. Nicht umsonst habe der aus Preußen stammende und in Koblenz lebende Dichter Max von Schenkendorff den Preußen nahegelegt, „Beamte zu schicken, die verständig für das Völkchen am Fluss sind“.

Rönz beleuchtete die verwaltungs-, verfassungs-, wirtschafts- und kulturgeschichtlichen Veränderungen und ging auch auf das Ende der geistlichen Fürstentümer durch den Reichsdeputationshauptschluss 1803 ein. „Besonders auch die alte Verwaltungs- und Handelsstadt Linz verkraftete den Verlust der in kurkölnischer Zeit erworbenen Privilegien nur schwer, denn durch den Ausfall der städtischen Akzise, den Verlust des Rheinzolls, die enormen Kriegsschulden und den Niedergang von Handel, Handwerk und Gewerbe erlitt die Stadt einen dramatischen sozialen und wirtschaftlichen Einbruch.“

Kreis hatte 11.000 Einwohner

Der im Mai 1816 verkündete Kreis Linz bestand aus den drei Bürgermeistereien Unkel, Linz und Leutesdorf mit rund 11000 Einwohnern. Landrat Hilgers drängte auf den Ausbau der Wege und Straßen, um Handel und Gewerbe zu beleben, das Schulwesen wurde ausgebaut. Am Ort der Schau, in der säkularisierten Kapuzinerkirche, entstand 1817 das Progymnasium. Als Gerüchte über die Zusammenlegung der Kreise aufkamen, schickte der Linzer Bürgermeister seitenweise Eingaben an die Regierung, Linz als Kreisstadt zu belassen, da anderenfalls mit dramatischen wirtschaftlichen Folgen zu rechnen sei. Half nichts. Die Wahl war längst auf Neuwied gefallen. Gerd Winzer und Franzjosef Thiel spielten zur Epoche passende Stücke.

Auf die Spuren des Landrats Philipp von Hilgers begeben sich Interessierte mit Unkels Stadtbürgermeister Hausen am Samstag. 23. Juli, 13 Uhr, ab Sebastianstraße 14 in Unkel-Heister. Die Ausstellung in der Stadthalle ist bis zum 31. Juli zu sehen – donnerstags und freitags jeweils von 15 bis 19 sowie samstags und sonntags von 11 bis 19 Uhr.

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