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Altern in der Region: Wie es sich anfühlt, alt zu sein

Altern in der Region : Wie es sich anfühlt, alt zu sein

Ein Simulationsanzug lässt Ausstellungsbesucher in Kommern in minutenschnelle zum Senior werden.

Zwischen „Teenager“ und „Grufti“ pendelt sich das „Schwungrad des Lebens“ ein. Das umfunktionierte Glücksrad steht in der Ausstellung „Alt und Jung“ im Freilicht-Museum Kommern des Landschaftsverbands Rheinland (LVR). Ab Sonntag erzählt die Schau vom Älterwerden in Geschichte und Zukunft. Einen besonderen Blick in die Zukunft gewährt dabei ein nicht alltägliches Kleidungsstück: der „Senior Suit“, ein Alterssimulationsanzug. GA-Redakteurin hat sich hineingewagt und ausprobiert, wie es sich anfühlt, alt zu sein.

Er hat etwas von einer Astronautenkluft, der grau-schwarze Overall, den Nico Wiethof aus einem Trolli hervorholt. Kaum bin ich hineingeschlüpft, packt der Museums-Volontär mir Jahr um Jahr auf den Buckel: Mit jedem weiteren Gewicht, das er in Taschen auf der Rückseite des Anzugs verstaut, verändert sich meine Haltung. Der Rücken wird rund, der Kopf neigt sich nach vorne. Eine Halskrause lässt meinen Nacken zusätzlich steif werden. Den rechten Ellenbogen und das Handgelenk kann ich kaum noch beugen, nachdem der Museumsmitarbeiter sie mit Bandagen umschlossen hat. Auch am linken Arm und linken Bein hat er nun Gewichte an die Druckknöpfe des Anzugs geschnallt. Ich bekomme Schlagseite.

Es kostet mich Konzentration, nun meinen Fuß anzuheben und nach vorne zu setzen. Meine Arme sind schwer, der Nacken verkrampft. „Wie alt bin ich denn jetzt?“, möchte ich wissen. So genau lasse sich das nicht sagen, erklärt Wiethof. Schließlich altere jeder Mensch unterschiedlich und ein Schlaganfall könne ja beispielsweise auch seine Folgen haben. Mit gefühlten 106 Jahren schlurfe ich los.

Für Architekten und Altenpfleger ist der Anzug üblicherweise gedacht, damit sie einen Eindruck erhalten, in welcher Situation sich die Menschen befinden, um die sie sich kümmern beziehungsweise für die sie barrierefreie Wohnungen und Arbeitsplätze entwerfen. Das LVR-Integrationsamt hat dem Museum den Anzug zur Verfügung gestellt. „Die Ausstellung ist generationenübergreifend“, erklärt Kuratorin Sabine Thomas-Ziegler, „sie soll das Verständnis füreinander erhöhen. Der Altersanzug schlägt dabei die Brücke.“

Es geht nur langsam voran. In gebückter Haltung setze ich einen Schritt nach dem anderen und bekomme plötzlich ein Gefühl für Bewegungen, die ich sonst nur bei anderen, Älteren sehe. Ein Gehstock wäre gar nicht schlecht, denke ich, um die lähmende Schwere auf meiner linken Körperseite auszugleichen. Es geht durch das kleine Kino, in dem der Film „Die Männer meiner Oma“ das Thema „Liebe im Alter“ aufgreift, vorbei an Hochzeitsfotos mit ernst drein blickenden, streng frisierten Eheleuten aus dem Jahre 1890, und weiter zum Kochtopf für Senioren, der beim Kartoffeln abgießen den Deckel aufbehält. „Im Grunde haben die Menschen nur zwei Wünsche: Alt zu werden, und dabei jung zu bleiben“, steht an einer der Wände. Ob das Gesichtsbügeleisen dabei hilft, das in einem Schaukasten von seltsamen Anti-Falten-Maßnahmen kündet, wage ich allerdings zu bezweifeln. An einer Vitrine nehme ich das Buch „Nein, ich will keinen Seniorenteller“ in die Hand. Mit den Handschuhen, die Nico Wiethof mir übergezogen hat, fällt es jedoch schwer, einzelne Seiten darin umzublättern. Und auch die Münze, die er auf die Glasplatte gelegt hat, lässt sich nur schlecht greifen.

Nun setzt der „junge Mann“ mir auch noch Kopfhörer und eine Brille auf, die meine Sicht und mein Gehör trüben. Mir wird etwas mulmig zumute, denn plötzlich ist mein seitliches Sehfeld stark eingeschränkt. Nico Wiethof wirkt verschwommen und wenn er seitlich von mir steht, muss ich den ganzen Körper drehen, um mit ihm sprechen zu können. Ich glaube, ich rede jetzt ganz schön laut.

Als ich mir den „Selbstfahrer“, einen Rollstuhl aus den 50er Jahren anschauen will, der eher an ein Fahrrad mit Kiste für die Beine erinnert, stolpere ich fast über das kleine Podest, auf dem er steht. „Wir haben es extra rot gekennzeichnet“, sagt der Museumsmitarbeiter. Doch in meinem unteren Sehfeld tauchte die Stufe gar nicht erst auf.

„Mit dem Anzug merkt man, was Barrierefreiheit bedeutet“, meint Nico Wiethof, und ich bin froh über die Bilder, die auf neue Wohnformen im Alter verweisen und meinen Blick vom Gitterbett aus den 20er Jahren ablenken. Wenige Meter weiter steht ein Aktenschrank. Aus einer der Schubladen lächelt Norbert Blüm mir entgegen: „Die Rente ist sicher.“ Wäre schön, wenn das auch in Zukunft noch gilt, denke ich. Denn ein paar Jährchen muss ich noch, jetzt wo ich wieder 33 bin.