Diskussionen um Karl Kaufmann: War ehemaliger Eifelverein-Vorsitzender Hitler-Verehrer?

Diskussionen um Karl Kaufmann : War ehemaliger Eifelverein-Vorsitzender Hitler-Verehrer?

Eine Gruppe anonymer Wanderfreunde fordert vom Eifelverein die Umbenennung des Karl-Kaufmann-Weges. Denn der Namensgeber und frühere Vorsitzende des Eifelvereins (von 1904 bis 1938) soll dem Nationalsozialismus nahegestanden haben.

Am heutigen Samstag trifft sich der aus 25.000 Mitgliedern in 200 Ortsgruppen bestehende Eifelverein zu seiner Jahreshauptversammlung in Mayen. Dort wird nicht nur ein neuer Vorstand gewählt. Die Mitglieder werden eventuell auch über eine heikle Frage sprechen, die nicht auf der Tagesordnung steht: Soll man den Karl-Kaufmann-Weg, einen der Hauptwanderwege des Vereins, der von Brühl nach Trier führt, umbenennen?

Denn der Namensgeber und frühere Vorsitzende des Eifelvereins (von 1904 bis 1938) soll dem Nationalsozialismus nahegestanden haben. Das Thema kam durch eine Aktion einer anonymen „Wandergruppe Eifelgold“ erneut in die Öffentlichkeit, nachdem der Eifelverein 2015 eine Umbenennung mit dem Argument der regionalen Bedeutung und der Verdienste Kaufmanns um den Verein abgelehnt hatte.

Die Vorwürfe der Aktivisten

Sie nennen sich in einem anonymen Brief, der über das Briefzentrum Trier an den Hauptkulturwart des Eifelvereins, den Trierer Historiker Professor Wolfgang Schmid, und an verschiedene Medien, darunter auch an den General-Anzeiger, geschickt wurde, „geschichtsbewusste Wanderfreunde“. Über die Größe der Gruppe, ihre Herkunft und Zusammensetzung und ob es sich um eine vereinsinterne Gruppe handelt, steht nichts in dem Brief. Die Gruppe teilt mit, man habe 500 Wegeplaketten des Eifelvereins entlang des Karl-Kaufmann-Weges mit Aufklebern versehen. Darauf sind in der Vereinszeitschrift „Die Eifel“ veröffentlichte Zitate Kaufmanns aus der Nazi-Zeit sowie Nazi-freundliche Formulierungen aus diesem Heft zu lesen.

Unter der Überschrift „Hitler-Verehrung unter Karl Kaufmann“ ist Kaufmann dort so zitiert: „Ich bitte Sie, mit mir auszurufen: Das große Deutschland und sein großer Führer: Siegheil.“ Dies rief Kaufmann im Juni 1938 bei der Feier zum 50-jährigen Bestehen des Eifelvereins in Trier den Mitgliedern zu. Es war der letzte Satz seiner letzten Rede, denn nach 34 Jahren verabschiedete er sich als Vorsitzender des Eifelvereins. Diese Episode gibt der Autor Peter Neu auch in der Jubiläumsschrift „125 Jahre Eifelverein“ wieder. 1936 sagte Kaufmann bei einem Vereinstreffen in Bad Münstereifel: „Mit Freude erkennen wir, dass das Dritte Reich seine besondere Fürsorge der Eifel angedeihen lässt.“

Andere Zitate sind Kaufmann nicht persönlich zugeordnet, als Vorsitzender des Vereins stand er aber in der Gesamtverantwortung für den Inhalt der Publikation. 1933 war darin zu lesen: „Das größte Erleben, das die neue Zeit (uns) beschert hat, ist das dankbare Erkennen, den Führer zu besitzen, von dem wir in unserer Ohnmacht jahrelang gepredigt, gesprochen und geträumt haben.“ Oder 1936: „Das ganze Eifelvolk und die heimattreue Front des Eifelvereins stimmt am 29. März (Reichtagswahl) geschlossen für Führer und Reich.“ Oder 1938: „Es blühe das Reich! Es lebe der Führer!“ Insgesamt sind 13 Zitate aufgeführt.

Die Gruppe nennt ihr Schreiben „Bildungspolitische Nachhilfe für den Eifelverein“, denn dieser stelle sich nicht seiner Geschichte. Der Brief schließt mit der Forderung, den Karl-Kaufmann-Weg umzubenennen, denn der Namensgeber sei „eng mit dem Nationalsozialismus verbunden“. Kaufmann habe dafür gesorgt, dass der Verein mit den Zielen des NS-Regimes verschmolzen sei und dabei „ein kleines Rädchen in der Maschinerie der großen Volksgemeinschaft der Nazis wurde“, zitieren die Absender aus der Vereinszeitschrift „Die Eifel“, Ausgabe 1/2017. Die Beibehaltung des Wegenamens blende die Rolle Kaufmanns in der Nazi-Zeit völlig aus und sei „verantwortungslos“.

Die Sicht der Historiker

Hauptkulturwart Wolfgang Schmid (61), der sich heute wieder um dieses Amt bewirbt, betont im Gespräch mit dem GA, dass Kaufmann nicht Mitglied der NSDAP gewesen sei. Er entstamme einer nationalkonservativen Familie aus dem hohen Beamtentum. Schmid sagt, es spreche einiges dafür, dass Kaufmann „eher ein Mitläufer“ gewesen sei. Die zitierten Sätze seien in der Nazi-Zeit übliche Grußformeln und Unterwerfungsrituale bei offiziellen Reden gewesen. „Sie entsprachen der Diktion der Zeit.“ Es habe damals nicht nur Schwarz oder Weiß, Auschwitz oder Widerstand, sondern auch eine große Grauzone gegeben. Daher sei eine differenzierte Betrachtung des Themas notwendig. Es müsse geklärt werden, ob Kaufmann sich aktiv an der Gleichschaltungspolitik oder an politischen Säuberungen beteiligt oder eine eher passive Rolle eingenommen habe. Sollte nachgewiesen werden, das Kaufmann an Verbrechen beteiligt gewesen sei, sei er für eine Umbenennung.

Der Historiker Helmut Rönz vom LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn ergänzt: „Kaufmann war ein Kind seiner Zeit.“ Allein anhand von Zitaten sei die historische Bewertung einer Person nicht oder nur bedingt möglich. Kaufmann habe den Kotau vor den Nazis vollzogen, ob zur Rettung des Vereins oder aus Überzeugung, müsse offen bleiben. Die Frage, ob Kaufmann ein Nazi gewesen sei oder nicht, sei nach jetzigem Stand der Forschung nicht zu entscheiden. Vielmehr müsse man das Verhalten Kaufmanns untersuchen, etwa gegenüber jüdischen oder anderen damals missliebigen Vereinsmitgliedern, um zu einem belastbaren Urteil über ihn zu kommen.

Dieses Verhalten sei aber bisher nicht gründlich genug erforscht. Fest stehe aber, dass Kaufmann vor 1933 revanchistisch gedacht habe. Er war ein Protagonist der sogenannten Westforschung. Als ehemaliger Landrat von Malmedy sprach er sich gegen die Bestimmungen des Versailler Vertrages und für die Rückkehr von Malmedy ins Deutsche Reich aus. Die Tatsache, dass Kaufmann kein NSDAP-Mitglied gewesen sei, spreche ihn nicht automatisch von Schuld frei. Entscheidend sei sein Handeln. Rönz rät dem Eifelverein, die Rolle Kaufmanns im Dritten Reich durch externe Historiker erforschen zu lassen.

Was sagen die Die Vereinsmitglieder

Für eine Umbenennung des Weges spricht sich die bis heute noch amtierende Vorsitzende Mathilde Weinandy (68) aus Prüm aus. Sie könne zwar nicht beurteilen, ob Kaufmann ein Nazi gewesen sei, aber das Thema komme immer wieder hoch und schade dem Eifelverein.

Rolf Seel (66) aus Düren-Kreuzau ist heute einziger Kandidat um den Vorsitz des Eifelvereins. Im Falle seiner Wahl werde sich der neue Vorstand am 10. August mit dem Thema befassen. Er bedauert, dass die Gruppe den anonymen Weg gewählt und nicht das Gespräch mit dem Eifelverein gesucht habe.

Der Bornheimer Walter Kuhl ist als Bezirkswegewart für die Wanderwege des Eifelvereins zwischen Bergheim und der Landesgrenze zu Rheinland-Pfalz zuständig. Er sagt: „Ob Karl Kaufmann aus eigenem Antrieb die Nazi-freundlichen Sätze formuliert und ein systemkonformes Verhalten an den Tag gelegt hat oder ob er auf Druck des Regimes gehandelt hat, um die Existenz des Eifelvereins nicht zu gefährden, kann man heute nicht mehr beurteilen.“

Dass auf der anderen Seite die Initiatoren dieser Aktion anonym blieben, sei allerdings „ein feiges Verhalten“ und verhindere einen sachlichen Diskurs. Wenn man sich im Recht fühle, gebe es keinen Grund, sich zu verstecken. Kuhl weiter: „Die Zitate Kaufmanns wurden mir bereits vor etwa zwei Jahren vom Verwalter des Brühler Schlosses entgegengehalten, als er unter anderem deswegen dem Eifelverein die Markierung des Weges durch den Schlosspark verboten hatte. Aber unabhängig von einer möglichen Nähe Kaufmanns zu den Nationalsozialisten sollte man unbedingt den Namen des Weges ändern, denn sonst wird das Thema immer wieder aufkommen.“

Auch Heinz Kessel, der Vorsitzende des Rheinbacher Eifelvereins, ist für eine Umbenennung, denn die Sache stelle den Eifelverein in ein schlechtes Licht.

Ein Karl-Kaufmann-Weg existiert auch in Swisttal-Buschhoven. Mit der Rolle des Namensgebers im Dritten Reich hat man sich bei der Gemeinde noch nicht befasst und daher auch nicht mit der Frage, ob diese Straße umbenannt werden sollte. In der Gemeinde entscheidet der Hauptausschuss über Straßenbenennungen. Im Falle von möglichen Umbenennungen werden aber in jedem Fall die Anwohner nach ihrer Meinung gefragt, denn für sie brächte eine Umbenennung ihrer Straße jede Menge bürokratischen Aufwand (Änderung der Adresse bei Behörden, Ausweisen, Banken und dergleichen) mit sich.

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