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Atomreaktor Tihange: Rheinland würde radioaktiv verseucht

Atomreaktor Tihange : Rheinland würde radioaktiv verseucht

Experten haben einen Atomunfall im belgischen Reaktor Tihange simuliert. Das Ergebnis: Je nach Wetterlage müsste im Falle einer Kernschmelze die Region bei Aachen evakuiert werden. Auch weite Teile Nordrhein-Westfalens bis ins Ruhrgebiet könnten betroffen sein.

Eine Studie zur Risikoanalyse eines Atomunglücks im belgischen Atomkraftwerk Tihange nahe Lüttich kommt zu alarmierenden Erkenntnissen. Je nach Wetterlage müsste im Falle einer Kernschmelze die Region bei Aachen evakuiert werden. Auch weite Teile Nordrhein-Westfalens bis ins Ruhrgebiet könnten betroffen sein. Im ungünstigsten Fall wären die Auswirkungen mit denen innerhalb der 20-Kilometer-Sperrzone von Fukushima vergleichbar.

Im Auftrag der Städteregion Aachen haben Experten für Reaktorsicherheit vom Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften der Uni Wien die möglichen Auswirkungen eines Versagens des Reaktordruckbehälters im Kernkraftwerk Tihange simuliert. Die Studie wurde von Wolfgang Renneberg und Nikolaus Müllner in Aachen vorgestellt.

Für die Simulation der Auswirkungen eines großen Atomunfalls (GAU) hatten die Experten Tausende Daten ausgewertet: Wetterlagen, Windrichtungen, Lebensdauer und Gefährlichkeit radioaktiver Nuklide, möglicher Fallout (radioaktiver Niederschlag). Das Ergebnis sind drei mögliche Szenarien: Im besten Fall werde sich die radioaktive Belastung der Region bis weit nach NRW hinein „nur“ verdreifachen und zwar von einem Millisievert – das ist der Grenzwert für den Normalbetrieb eines Atomkraftwerks pro Jahr – auf drei Millisievert.

Dies tritt bei einem GAU mit einer Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent ein. Bei einer ungünstigeren Wetterlage, etwa bei Westwind, wäre eine Belastung von 25 Millisievert möglich, erläutert Renneberg dieser Zeitung. „Das ist das 25-Fache der jährlichen Strahlenbelastung eines Menschen. Das ist der Wert, ab dem es in Tschernobyl zu Umsiedlungen der Bevölkerung kam.“ Bei extrem ungünstigen Bedingungen, etwa wenn die radioaktive Wolke genau über den Großraum Aachen in Richtung Westen ziehe, würden die radioaktiven Werte in solche Höhen schießen, dass eine sofortige Evakuierung des Gebiets nötig wäre. „Die Region wäre bis auf Weiteres unbewohnbar“, erklärt Renneberg, der bis 2009 die Abteilung Reaktorsicherheit am Bundesumweltministerium leitete. Den Weiterbetrieb der Reaktoren in Tihange hält er für unverantwortlich.

Die Reaktoren des umstrittenen Kraftwerks mussten in der Vergangenheit wegen Pannen immer wieder vom Netz genommen werden. Das Land NRW fordert die Abschaltung der über 40 Jahre alten Atomanlage, mittlerweile klagen rund 100 Kommunen in der Dreiländer-Region und das Land NRW gegen den Betrieb von Tihange. Die neue Risikostudie dürfte diese Sorgen nun weiter befeuern.

Der Aachener Städteregionsrat Helmut Etschenberg kündigte für Ende November eine Klage der Städteregion vor einem belgischen Zivilgericht an. „Dafür müssen wir nachweisen, dass die Städteregion Aachen von einem Atomunfall in Tihange betroffen wäre. Aus diesem Grund haben wir die Studie in Auftrag gegeben, und sie bestätigt diese Betroffenheit“, sagte Etschenberg dieser Zeitung.

Der CDU-Politiker nannte die Ergebnisse der Studie „extrem erschreckend“, weil ein mit Tschernobyl vergleichbares Szenario nicht auszuschließen sei. Etschenberg kündigte eine ungewöhnliche Protestaktion an. Am 12. November sollen die Regionalliga-Teams von Alemania Aachen und dem FC Köln mit Genehmigung des Deutschen Fußball-Bundes ohne Trikotwerbung, dafür aber mit dem Slogan ,Stoppt Tihange' im Stadion Tivoli auflaufen.