Inklusion auf spielerische Art bei der Gamescom: Mit der Mundmaus über Barrieren

Inklusion auf spielerische Art bei der Gamescom : Mit der Mundmaus über Barrieren

Dennis Winkens zeigt auf der Gamescom in Köln, wie technische Mittel Behinderten Spielen am Computer ermöglichen. Da staunt auch mancher Fachmann.

Es ist laut, brüllend laut in Messehalle 9. Die Gamescom in Köln erlebt den erwarteten Besucheransturm, und da dürfen auch YouTube-Stars nicht fehlen. Sebastian Lenßen und Christian Stachelhaus, Millionen Fans im Internet besser bekannt als Sep und Chris von PietSmiet, spielen die neueste Version von „Formel 1“. Ihr Gegner: Dennis Winkens. Der 28-Jährige ist leidenschaftlicher Videospieler. Er sitzt seit einem Fahrradunfall vor elf Jahren vom Hals an abwärts gelähmt im Rollstuhl. Wie ist da Spielen möglich? „Ich muss eben die Lippen ein bisschen bewegen, mehr ist das gar nicht“, sagt er lapidar. Sein persönlicher Joystick ist eine Mundmaus, mit der er den Rennwagen lenkt und die Geschwindigkeit bestimmt. Während seine Gegner dafür verschiedene Joystick-Tasten drücken, bläst, pustet und saugt Winkens je nach Streckenverlauf.

„Das ist echt cool. Der zieht uns alle ab“, sagt Sep. Der YouTuber ist wie sein Kollege und neugierige Besucher der weltweit größten Computerspielmesse von Winkens Leidenschaft angetan. Auch Lee Mather traut seinen Augen kaum. Der Brite von Codemasters ist Chefentwickler von „Formel 1 2016“. „Unglaublich, dass das so gut klappt. Dennis ist verdammt schnell und präzise“, zeigt er sich erstaunt. Künftig will er schon in der Entwicklung stärker auf die Zusammenarbeit mit behinderten Gamern setzen: „Da können wir noch viel lernen und umsetzen.“

Gerade in den USA hätten viele Studios in ihren Entwicklerteams bereits Mitarbeiter mit verschiedenen Behinderungen, berichtet Tim Westphal. „Ich habe mal einen blinden Programmierer kennengelernt. Der hatte ein so gutes Gehör, da sind bei den Spielen akustische Landschaften entstanden“, sagt der Kommunikationsmanager vom Entertainment-Anbieter Koch-Media. Entwickler und Medienunternehmen, die Spiele herausgeben, seien zudem immer häufiger im Gespräch mit Herstellern von Geräten, zum Beispiel Prothesen. „Und wenn ich an die neuen VR-Brillen denke, haben Spieler mit Behinderungen, die besten Chancen, direkt in eine andere Welt einzutauchen.“

Dass sie Teil einer Spielgemeinschaft werden und etwa von zu Hause aus soziale Kontakte knüpfen können, darum geht es Aktion Mensch. Die Organisation für soziale Förderung hat zusammen mit dem Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware das Aufeinandertreffen von Winkens und PietSmiet initiiert. Mit der Kooperation und der Präsens auf der Gamescom wollen sie Computer- und Videospiele als integrierendes Medium thematisieren.

„Wir wollen alle Gamer zusammenbringen, unabhängig von ihrer Behinderung und somit digital Barrieren überwinden“, sagt Ann-Kathrin Akalin von Aktion Mensch. Winkens, der das Gesicht der Kampagne zum Thema „Neue Nähe“ ist, freut sich über die neuen technischen Möglichkeiten, sieht aber noch Luft nach oben, wie er sagt. „Nur wer miteinander redet, kann noch mehr bewirken.“

Er kann sich daher gut vorstellen, künftig Spiele-Entwicklern über die Schultern zu schauen und selbst mitzugestalten. „Das Potenzial zum Hardcore-Gamer hat er ja schon“, sagt Westphal. Dass sich der Online-Redakteur aus Viersen auch als Programmierer etablieren könnte, ist nach diesem Auftritt nicht ganz unwahrscheinlich.