Interview: „Kinder nicht vor Fernseher parken“

Interview : „Kinder nicht vor Fernseher parken“

Um den kindgerechten Umgang mit Medien geht es am kommenden Donnerstag in der katholischen Kita St. Walburga in Bornheim-Walberberg. Die Bonner Medienpädagogin Kristin Langer will mit Müttern und Vätern über praxisnahe Fragen ins Gespräch kommen. Antje Jagodzinski sprach mit der Referentin der Initiative „Eltern und Medien“ der Landesanstalt für Medien NRW.

Was sind kindgerechte Medien?
Kristin Langer: Das sind Angebote, die Kinder ernst nehmen. Das heißt, sie behandeln ein Thema, das Kinder beschäftigt. Im Kindergartenalter ist das beispielsweise „Was macht Freundschaft aus“ oder Helden – „Ich möchte auch ein Held sein und viele Dinge schaffen.“ Kindgerecht sind auch Sendungen, die auf den großen Wissensdrang der Kinder eingehen: „Wie funktioniert die Welt?“

Wie lange sollten Kinder in dem Alter fernsehen?
Langer: Im Kindergartenalter kommt das Kind in der Regel mit einer Sendung zwischen 15 und 30 Minuten aus. Ich sollte auch bedenken, dass mein Kind das, was es sieht, ja auch verarbeiten muss. Kinder in dem Alter werden sehr stark auf der emotionalen Ebene angesprochen. Das heißt, sie empfinden das, was sie sehen, sehr intensiv nach. Daher wäre es ratsam, dass ich als Elternteil meinem Kind dafür auch Zeit gebe, dass ich mich mit ihm darüber unterhalte oder das, was dargeboten wurde, spielerisch einbinde, zum Beispiel ein Bild male oder mit Figuren etwas nachspiele.

Das heißt, vor dem Schlafengehen ist keine günstige Fernsehzeit?
Langer: Es gibt Kinder, die kommen gut mit dem Ritual zurecht, dass das Sandmännchen der Abschied vom Tag ist: Mein Kind folgt gerne der liebenswerten Figur und genießt eine märchenhafte Stimmung – es kommt zur Ruhe. Andere begeistern sich wiederum sehr für die Bild- und Toneindrücke, werden aufgekratzt. Das rate ich Eltern, herauszufinden.

Und sollten die Eltern dabeisitzen?
Langer: Eltern sollten gerade jüngere Kinder bei der Mediennutzung, also nicht nur beim Fernsehen, immer begleiten. Beim Buch ist das so naheliegend, das schaut man gemeinsam an, da die Jüngsten ja noch nicht lesen können, aber bei einer Fernsehsendung sagt man auch schon mal: Ach ja, guck du mal und ich mach in der Zeit was anderes.

Also zum Ruhigstellen ist Fernsehen eigentlich nicht geeignet...
Langer: Nein, weder zum Ruhigstellen ist es gedacht, noch um die Kinder vorm Fernseher „zu parken“. Ich empfehle immer, Sendungen erst mal gemeinsam zu schauen. Wenn ich dann auf DVD zum Beispiel eine Wiederholung nutze oder ich weiß bei einer Sendung, wie sie aufgebaut ist und wie mein Kind darauf reagiert, dann kann ich es natürlich auch mal kurze Zeit alleine gucken lassen. Aber wünschenswert wäre, es möglichst lange Zeit zu begleiten und das bezieht sich später auch auf die Computernutzung.

Dürfen Mädchen und Jungen denn auch im Kindergartenalter schon Berührung mit Handy und Internet haben?
Langer: Laut Statistiken sind die Haushalte heute gesättigt mit Mediengeräten, die werden in der Familie natürlich auch genutzt. Sinnvoll ist es in jedem Fall, Regeln aufzustellen. Also das jüngere Kind soll bitte niemals alleine an Computer oder Tablet. Wenn ich mobile Geräte nutze, daran denken, dass ich Sicherheitseinstellungen vornehme, also etwa den Zugang mit Passwörtern schützen. Damit nichts passiert, wenn mein Kind entgegen der Vereinbarung auch einmal eigenständig das Gerät in die Hand nimmt. Wichtig ist, dass Kinder nicht plötzlich in Medieninhalte stolpern, die für sie nicht geeignet sind.

Ist es umgekehrt heutzutage auch wichtig, dass Kinder den Umgang mit Medien kennen, wenn sie in die Schule kommen?
Langer: Ja, aber jedes Kind hat auch seinen Rhythmus, wann es sich dafür interessiert und wann es von der Entwicklung her dafür auch bereit ist. Wenn es aufs Grundschulalter zugeht, kann ich meinem Kind eine kindgerechte Startseite einrichten, zum Beispiel mit Kindersuchmaschine. Wir wollen die Kinder nicht in Watte packen, aber den Umgang mit Medien muss ich schrittweise lernen. Und selbst wenn Kinder im Grundschulalter sich noch nicht so für Medienangebote und Mediengeräte interessieren, sollten Eltern auf keinen Fall Sorge haben, dass die Kinder etwas verpassen. Sie merken selbst auch gut, was sie für sich brauchen.

Birgt der Einsatz von Medien auch Risiken?
Langer: Eltern sollten wissen, wenn ich in der frühen Entwicklungsphase meines Kindes viele Medienangebote einsetze, ohne dass ich Rücksicht darauf nehme, dass mein Kind auch andere reelle Erfahrungen macht wie schmecken, riechen, bewegen, die ja Grundlagen für die kindliche Entwicklung sind – wenn ich hier Medienangebote als Stellvertreter nehme, verpasst mein Kind wichtige Erfahrungen.

Inwiefern färbt das eigene Verhalten auf Kinder ab?
Langer: Massiv. Speziell im Kindergartenalter sind Eltern maßgebliche Vorbilder. Ein dreijähriges Kind möchte das Smartphone unter anderem auch, weil es Mama und Papa immer damit sieht. Das ist Nachahmungslernen: Die Kinder wollen dasselbe tun, was Erwachsene tun. Und die finden es wiederum niedlich, wenn die Kinder schon wischen und tippen können. Es sieht auch niedlich aus, aber es sollte nicht die ausschließliche Beschäftigung sein.

Können Sie eine Faustformel für Eltern zur Mediennutzung nennen?
Langer: Wenn mein Kind Medien nutzt, sollte ich gucken: Was ist es, wie lange und wann. Also ich sollte mich über die Inhalte schlaumachen, die Zeit im Blick haben und schauen, ob die Nutzung in den Familienalltag passt.

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