Verbindung aus Bus und Seilbahn: Forscher in Aachen erfinden Bus, der Stau überfliegt

Verbindung aus Bus und Seilbahn : Forscher in Aachen erfinden Bus, der Stau überfliegt

Forscher der Rheinisch Westfälischen Technischen Hochschule Aachen wollen etwas tun gegen den Verkehrskollaps in den Innenstädten. Ihr Konzept: die Verbindung aus Bus und Seilbahn. Es trägt den Namen „upBus“.

Als die Futuristen sich in den 1920ern die Städte der Zukunft vorstellten, waren sie vor allem von einem überzeugt: Der Verkehr würde sich in den Lüften wiederfinden. Fliegende Autos oder schwebende Magnetbahnen beherrschten damals in Zeichnungen utopische Metropolen. Die Realität indes sieht 100 Jahre später anders aus: Immer mehr Autos und Lkw drängen sich auf den Straßen und konkurrieren mit dem öffentlichen Nahverkehr. Und eine größere Baustelle in einer Innenstadt reicht aus, um die empfindliche Balance zu stören. Die Folgen sind Staus, Lärm, Abgase – samt den negativen Auswirkungen für die Umwelt und die Lebensqualität.

Auf der Suche nach einer Lösung für das Verkehrsproblem in Großstädten „waren es tatsächlich die Zeichnungen aus der Frühzeit des 20. Jahrhunderts, die uns inspiriert haben“, sagt Tobias Meinert vom Institut für Strukturmechanik und Leichtbau an der Rheinisch Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen. „Warum verlagern wir den öffentlichen Nahverkehr nicht einfach in die Luft?“, fragte man sich. An Lösungen mit Flugtaxis wird zwar bereits gearbeitet. Aber „das verlagert nur den individuellen Nahverkehr“, so Meinert. Das Flugtaxi sei nicht dafür konzipiert, größere Menschenmengen zu transportieren. „Zudem löst es keins der Probleme der Zukunft“, fügt Eduard Heidebrecht hinzu. Er gehört zum Lehrstuhl für Hochfrequenzelektronik an der RWTH Aachen. Der Energieverbrauch für die Flugtaxis sei zu hoch, sagt Heidebrecht. Und die Lärmbelästigung durch die Verwirbelung der Luft bei Start und Landung wür de ein Problem bleiben. „Die Physik lässt sich nicht aushebeln.“

Allerdings gibt es bereits ein sicheres, zuverlässiges, erprobtes und leises System, das den Verkehr in den Himmel hebt: die Seilbahn. Das Problem ist nur: Die Stationen benötigen sehr viel Platz und lassen sich kaum in dicht bebauten Städten errichten. Und die Seilbahnen selbst sollen auch nicht zu einem komplexen Labyrinth mutieren, das den Blick auf Sehenswürdigkeiten oder die Architektur verstellt. „Damit es eine realistische Lösung sein kann, fehlte eine Komponente“, sagt Meinert. An der haben die Forscher getüftelt, bis sie eine Lösung hatten – mit upBus.

„Wir reden über eine Fahrgastzelle für etwa 35 Personen“, erklärt Meinert. Die nutzt für die Straße einen Fahrschlitten, auf dem die Zelle gerade eben Platz findet. „Das wäre ein mit Elektromotor angetriebenes Modul, das selbstfahrend, also autonom wäre“, sagt Heidebrecht. Nähert sich das System einem Verkehrsknotenpunkt oder Stau, fährt es eine „Koppelstelle“ an: Die Fahrgastzelle wird in eine Seilbahn eingeklinkt und schwebt so über den Stau hinweg. Danach kann die Zelle wieder entkoppelt und in ein Fahrmodul eingeklinkt werden. In der Praxis soll das innerhalb von zehn Sekunden passieren. Der Vorteil: Große Seilbahnstationen für den Ein- und Ausstieg entfallen, dafür könnten Bushaltestellen weiter genutzt werden.

Für die Kopplung der Fahrgastzelle mit Seilbahn und Fahrmodul „setzen wir dabei auf etwas, das wir an der RWTH bereits für die Raumfahrt entwickelt haben“, sagt Tobias Meinert. Gemeint ist damit das „iBoss“-Prinzip: Das sind 40 mal 40 mal 40 Zentimeter große Würfel, aus denen sich Satelliten in Zukunft zusammensetzen lassen. Der Vorteil: Fällt eines der Module aus, lässt es sich leicht ersetzen. So kann die Lebensdauer von Satelliten deutlich erhöht werden – statt sie völlig abzuschreiben, wenn ein System total ausfällt. Und die Hightech-Kopplung, um die iBoss-Würfel miteinander zu verbinden, „lässt sich überarbeitet auch für upBus einsetzen“, sagt Meinert.

Zudem seien Seilbahnen recht schnell innerhalb eines Jahres zu bauen – und günstig: Die Wissenschaftler gehen von rund zehn Millionen Euro pro Kilometer aus. Im Vergleich zu Straßenbahnen sei das etwa ein Drittel der Kosten, im Vergleich zu U-Bahnen sogar nur ungefähr ein Zehntel. „Zumal der Aufwand für Betrieb und Wartung ebenfalls gering ausfällt und wir für den Bau nur recht wenig Platz benötigen“, sagt Meinert.

Bis zum November 2020 soll zunächst ein rudimentäres System eingerichtet werden. Damit werde man zeigen, dass das Konzept an sich funktioniert, erklären die beiden Wissenschaftler. Und danach möchte man im Jahr 2023 die erste Test-Strecke in Betrieb nehmen. Wo genau? „Am liebsten in NRW“, sagt Meinert. Aber das hängt von den Städten und ihrer Bereitschaft ab. Das Fernziel des vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Projekts ist indes, die Technik zu exportieren. „upBus ist für alle Metropolregionen weltweit geeignet. Das war von Anfang an ein Teil unserer Überlegung.“