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Rheinische Redensarten: Do häs doch kee Platz füe Buchping

Rheinische Redensarten : Do häs doch kee Platz füe Buchping

Wir stellen schöne und bedeutungstiefe Redewendungen aus dem Rheinland vor.

Jeder Mensch, der Wert auf gute Umgangsformen legt, weiß, dass man das Aussehen des Gegenübers nicht kommentieren sollte. Jedenfalls nicht in der direkten Ansprache. Denn das kann zu Verwicklungen führen. Falls ich das mal vergesse, erhalte ich einen entsprechenden fachlichen Hinweis von meiner Beziehungsberechtigten. Und das ist gut so.

Also kann man generell sagen: Keine Bewertung des äußeren Anscheins! Das kann ganz besonders daneben gehen, wenn man irgendwie den untrüglichen Eindruck hat, eine Dame sei in guter Hoffnung und anderen Umständen, das aber nicht der Fall ist. Ganz im Ernst: Aus dieser Nummer kommt man nie mehr raus!

Wer aber dennoch ein offenes Wort seinen Mitmenschen gegenüber pflegen möchte, der kann sich auf das Feld der diplomatisch fundierten Bewertungen verlegen. Der Dialekt bietet da eine ganze Fülle von Möglichkeiten. Hier befassen wir uns mit der rheinischen Redensart: „Do häs doch kee Platz füe Buchping.“ Fantastisch!

Wir arbeiten uns bei der Übersetzung ins Hochdeutsche mal von hinten nach vorne. Der Zentralbegriff Buchping bezeichnet medizinisch ausgedrückt sogenannte funktionelle Abdominalbeschwerden. Das drückt aber tatsächlich kaum jemand so aus, die meisten sprechen schlicht von „Bauchschmerzen“. Wobei sich im Dialekt das Wort Ping von Pein gleich Schmerz ableitet. Der gesamte Satz heißt dann also: Du hast doch keinen Platz für Bauchschmerzen.

Aber was ist damit gemeint? Man muss sich einfach mal einen Menschen vorstellen, der im wörtlichen Sinne keinen Platz hat für Bauchschmerzen. Der ist wahrscheinlich dünn, sehr dünn, unglaublich dünn. So dünn, dass nicht einmal Schmerz seinen Platz findet. Und genau das ist die Aussage.

Um nochmal einen Fachbegriff einzuführen, handelt es sich hier um einen Leptosomen. Als solchen bezeichnet man gemäß der Körpertypologie eine spindeldürren Menschen mit kurzem Körper und langen Armen und Beinen. Und die sind auch noch wenig muskulös. Der Psychiater Ernst Kretschmer hat die Menschen in vier Typen eingeteilt und dem Schlaksigen, also Leptosomen, auch noch ganz bestimmt Persönlichkeitsmerkmale zugeschrieben.

Menschen dieser Körperkonstitution werden als empfindlich, kompliziert und sprunghaft beschrieben. Kretschmer lebte von 1888 bis 1964, und seine Schlussfolgerung vom Körperbau auf die seelische Konstitution gilt im wissenschaftlichenSinne als überholt. Aber dennoch kann sich wohl niemand davon frei machen, dass man gelegentlich vom Aussehen auf das Innere eines Menschen schließt. Ein Argument mehr, sich des vorschnellen Urteils über Äußerlichkeiten zu enthalten. Denn die Psychologie des ersten Eindrucks besagt: Wie man einen Menschen im Augenblick des Kennenlernens einschätzt, hat Langzeitwirkung, auch wenn es sich als falsch herausstellt.

Der General-Anzeiger und die Edition Lempertz haben die Kolumne als Buch „Rheinisch für Fortgeschrittene“ veröffentlicht. Hören Sie auch unseren Podcast „So geht Rheinisch“, abrufbar auf allen Medienplattformen und unter www.ga.de/podcast. Haben Sie auch eine rheinische Lieblingsredensart? Dann schreiben Sie uns unter rheinisch@ga.de