Große Ohren und ein 360-Grad-Blick: Der echte Osterhase lebt im Rhein-Sieg-Kreis

Große Ohren und ein 360-Grad-Blick : Der echte Osterhase lebt im Rhein-Sieg-Kreis

Der General-Anzeiger hat sich auf die Spur der Feldhasen im Rhein-Sieg-Kreis gemacht. Ein Blick auf Wiesen und Felder.

Vegetarier, Einzelgänger und auf der Suche nach Wohnraum in einer knapper werdenden Umgebung. Was zunächst nach einem modernen Großstadtbewohner klingt, meint hingegen das Tier, das wohl die meisten mit Ostern verbinden – den Hasen. Als reiner Pflanzenfresser ist der Feldhase vor allem auf Wiesen und Feldern zu Hause. Durch wachsende Städte und einseitige Landwirtschaft verliert der Feldhase allerdings Teile seines natürlichen Lebensraums.

Während die Süßwarenindustrie die jährlichen Verkaufszahlen der Schokohasen genau beziffern kann – in diesem Jahr wurden laut Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie rund 220 Millionen Schokoexemplare produziert – gehen die Angaben über den Bestand der echten Hasen weit auseinander. Der Deutschen Wildtier Stiftung zufolge leben etwa drei Millionen Exemplare in Deutschland, andere gehen von bis zu acht Millionen aus. Statistisch gesehen gibt es somit noch einen Hasen pro 27 Einwohner.

„NRW ist ein relativ gutes Hasenland“, sagt hingegen Achim Baumgartner, Sprecher des BUND Rhein-Sieg. Auf dem Ville-Rücken im Vorgebirge zeigt Baumgartner den Lebensraum des Feldhasen. „Wenn ich hier bin, sehe ich immer einen“, erzählt er. Der Feldhase braucht vor allem Verstecke, die ihm gleichzeitig eine schnelle Fluchtmöglichkeit bieten. Anders als Kaninchen leben Hasen nicht in einem unterirdischen Bau, sondern ducken sich tagsüber in eine sogenannte Sasse, eine kleine Erdmulde.

Tagsüber duckt er sich in eine Sasse

Laut dem Landesjagdverband Nordrhein-Westfalen hat NRW die höchste Hasendichte. „Mit einem Medianwert von 16 Hasen je 100 Hektar Taxationsfläche liegen wir bundesweit ganz vorne. Von 2017 auf 2018 konnten wir sogar eine leichte Bestandserhöhung belegen“, sagt Ralph Müller-Schallenberg, Präsident des Landesjagdverbands NRW. Mittels der sogenannten Scheinwerfertaxation ermitteln die Jagdverbände nachts stichprobenartig das Hasenvorkommen.

Klassische Lebensräume in der Region sind neben dem Vorgebirge die Feld- und Ackerflurbereiche entlang des Rheins und der unteren Sieg in Niederkassel, Troisdorf, Sankt Augustin und Siegburg, teilweise auch in Hennef. In den östlichen rechtsrheinischen Gemeinden wie Eitorf oder Much überwiegen hingegen Waldgebiete, die für den Hasen weniger attraktiv sind. „Hier sind Hasen eher einzeln im Wald anzutreffen“, sagt Thomas-Hans Deckert, stellvertretender Vorsitzender der Kreisjägerschaft Rhein-Sieg. „Es sind stetig immer weniger Hasen geworden. Der Lebensraum wird zunehmend kleiner“, beobachtet Peter Schmidt, der seit 30 Jahren ein Gebiet auf dem Ville-Rücken als Jagdrevier gepachtet hat.

Dem Hasen geht es damit ähnlich wie Rebhühnern oder Fasanen. Das hängt vor allem mit der Entwicklung der Landschaft zusammen. Früher gab es auf dem Ville-Rücken auch Parzellen mit Osterglocken – diese wurden damals für Blumengeschäfte angebaut. Mittlerweile haben sich allgemein die Grenzen der Wohnbebauung weiter nach außen verschoben, Felder wurden zusammengelegt und das Straßennetz ist dichter geworden.

Laut der Deutschen Wildtier Stiftung fallen bundesweit rund 60 000 Feldhasen dem Straßenverkehr zum Opfer, weitere sterben durch Landmaschinen. Aber auch freilaufende Hunde von Spaziergängern hetzen Hasen im schlimmsten Fall zu Tode. Natürliche Feinde sind Füchse, Wildschweine und Greifvögel.

Lebensraum wird kleiner

„Der Hase hat alles, was ein Fluchttier braucht“, erläutert Baumgartner: große Ohren, einen 360-Grad-Blick und lange Beine. „Unten sieht man sie eher“, sagt Schmidt. Damit meint er die kleinen Felder für den Obst- und Gemüseanbau in Bornheim. Denn der Hase braucht Abwechslung und Vielfalt in der Nahrung – angefangen bei Gräsern, Wildkräutern über Kohl bis hin zu Blättern und Baumrinden. „Im Grunde profitiert der Hase von der Landwirtschaft und der Kultivierung“, so Baumgartner. Aber eben nur, solange nicht hektarweise nur Mais angebaut wird.

Durch die Zusammenlegung von Feldern fehlen dem Feldhasen aber gerade die Ackerränder mit Wildblumen und Kräutern. Heute stellt der BUND wieder natürliche Schutzräume her wie in der Ville: Zu dichtes Brombeergestrüpp wird gerodet, und auf freiem Feld werden Bäume und Hecken gepflanzt. Laut Baumgartner bewegt sich die Hasenpopulation in Wellenbewegungen. Entscheidend sind die Witterungsbedingungen nach der Geburt: Ist es nass und kalt, sterben viele Jungtiere wieder. Heiße Sommer wie zuletzt 2018 begünstigen das Überleben des Feldhasen.

Seit 2009 steht er bundesweit auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Trotz seines Status darf der Hase gejagt werden – in NRW von Oktober bis Dezember. „Insgesamt gehört der Feldhase in NRW und auch im Rhein-Sieg-Kreis nicht zu den gefährdeten Arten, steht aber auf der sogenannten Vorwarnliste des Bundesamtes für Naturschutz unter Beobachtung“, so Deckert. Die Jäger orientieren sich dabei an den Zahlen der Sichtungen. Seit 2012 ist die Zahl an erlegten Hasen im Rhein-Sieg-Kreis daher um 35 Prozent zurückgefahren worden. 2017/2018 waren es 273 Tiere.

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