Datenspeicher-Spürhunde der Polizei seit Oktober in NRW im Einsatz

Seit Oktober im Einsatz : So arbeiten die Datenspeicher-Spürhunde der Polizei

Sie sind erst seit Oktober im Einsatz und schon jetzt äußerst erfolgreich: Die Datenspeicher-Spürhunde des Landes finden versteckte Festplatten, USB-Sticks und Mobiltelefone. Auch im aktuellen Missbrauchsfall von Bergisch Gladbach.

Nachdem die Fahnder schon alles auf den Kopf gestellt hatten in dem Reihenhaus in Bergisch Gladbach, holten sie die Hunde dazu. Drei Tage suchten Spürhunde den Bungalow, den Garten und ein Gartenhaus ab – mit großem Erfolg. „Die Hunde haben Datenträger in erheblichem Umfang gefunden“, sagt der Kölner Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer. Nach einer ersten Sichtung stand fest: Auch darauf befinden sich kinderpornografische Bilder und Videos, die wichtige Beweise im Ermittlungsverfahren gegen einen 42-jährigen Familienvater sind. Die Ermittler hatten vorher unter anderem schon auf dem Mobiltelefon des Mannes Tausende Bilder und Videos in Chats mit anderen Tatverdächtigen gesichert.

Acht Männer wurden mittlerweile wegen des Verdachts des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern festgenommen. Mehr als 200 Ermittler sind damit befasst, eine riesige Menge sichergestellter Dateien zu sichten und auszuwerten. „Wir stehen immer noch am Anfang der Ermittlungen“, sagt Bremer.

Ehemalige Rauschgiftspürhunde suchen nach Datenträgern

Weil die Spürhunde in Bergisch Gladbach so erfolgreich waren, sollen sie nun auch alle anderen möglichen Tatorte und Wohnungen der Beschuldigten durchsuchen. Die Hunde, Belgische Schäferhunde und Mischlinge, waren im Oktober von NRW-Innenminister Herbert Reul vorgestellt worden. Seitdem sind sie im Einsatz. Es sind ehemalige Rauschgiftspürhunde, die darauf trainiert wurden, Handys, USB-Sticks und andere Datenträger aufspüren zu können. Nach der sächsischen Polizei ist die NRW-Polizei deutschlandweit erst die zweite Behörde, die Datenspeicher-Spürhunde einsetzt. Die Ausbildung der Hunde war eine Reaktion auf den Kindesmissbrauchsfall in Lügde. Bei den Ermittlungen am Tatort auf einem Campingplatz waren dabei Datenträger übersehen worden.

Der Mann, der die Hunde ausgebildet hat, heißt Darius Szeliga. Das Büro des 46-Jährigen ist in der Justizvollzugsanstalt Köln. Da ist er aber eher selten. Szeliga ist Trainer, Prüfer und Sachverständiger im Diensthundewesen der Justiz NRW. Elf Hunde hat er für Polizei und Justiz ausgebildet, „zwei weitere sind noch Azubis.“

USB-Stick als Kugelschreiber getarnt

An Szeligas Seite sind stets sein Rottweiler Yam und die Belgische Schäferhündin Gina. Yam war der erste Datenspeicher-Spürhund in NRW. Ende Juni war Szeliga mit ihm im Haus eines 83-Jährigen in Wuppertal, bei dem Kinderpornos gefunden worden waren. Yam fand vor allem das Jackett des Mannes interessant, zeigte Szeliga immer wieder an, dass er etwas gefunden hatte. „Die Polizisten meinten, da sei nichts, sie hätten die Jacke durchsucht“, sagt Szeliga. „Aber ich wusste: Mein Hund lügt nicht.“ Schließlich stellte sich heraus, dass ein Kugelschreiber in der Jackentasche eigentlich ein USB-Stick war.

Wenn Yam etwas gefunden hat, friert er ein. Der Rottweiler bleibt bewegungslos stehen und hört kurz auf zu atmen. „Damit wir auch im Dunkeln hören, dass der Hund was gefunden hat“, sagt Szeliga. Erst wenn er den Hund „anklickert“, bewegt er sich wieder. Der Klicker ist ein kleines Trainingsgerät, mit dem man den Hund konditionieren kann, es macht beim Biegen ein Klick-Geräusch. Zur Belohnung bekommt Yam eine Beißwurst, an der er herumzerren darf. „Spielzeug ist für ihn kostbarer als Futter, weil er das immer ausreichend zur Verfügung hat.“

Datenspürhunde werden auch in Gefängnissen eingesetzt

Yam und die anderen Hunde sind fast jeden Tag im Einsatz. Montags und freitags wird trainiert. Das stille „Einfrieren“ wurde den Spürhunden antrainiert, weil die Insassen eines Gefängnisses etwa bei lautem Bellen merken könnten, dass die Hunde da sind. „Dann könnten wir gleich einpacken und wieder fahren“, sagt Szeliga. In den Gefängnissen spüren die Hunde vor allem Handys auf, auch winzige Modelle, die gerade mal so lang sind wie ein Finger. Sie finden USB-Sticks, Festplatten, Tablets, CDs und sogar SIM-Karten. Die Häftlinge nutzen meist nicht die eigenen Zellen als Verstecke, sondern Gemeinschaftsräume wie Werkstätten, Duschen oder Materialräume, damit das Gefundene nicht so leicht einem einzelnen Gefangenen zugeordnet werden kann.

Die Suche strengt die Hunde an wie ein Halbmarathon

Für die Hunde bedeuten zehn bis 15 Minuten Sucharbeit eine große Anstrengung, sie brauchen viele Pausen. „Sie atmen beim Spüren sechsmal pro Sekunde ein und aus, eine Viertelstunde ist wie ein Halbmarathon“, sagt Guido Schindler, der mit seinen Hunden Dedé und Carla auch mit Szeliga unterwegs ist. Datenträger sind sehr viel schwieriger zu erschnüffeln als Drogen. Die Hunde müssen bis zu zehn Zentimeter nah an das Objekt heran, um die bei der Herstellung verwendeten Chemikalien riechen zu können.

Nicht jedes Tier ist für die Arbeit geeignet. „Jeder Hund ist anders, ich hab manchmal schlaflose Nächte, weil ich nachdenke, warum ein eigentlich guter, motivierter Hund nicht auszubilden ist“, sagt Szeliga. Bei einem seiner vierbeinigen Azubis hat sich herausgestellt, dass er eine Schilddrüsenunterfunktion hat und deshalb immer unkonzentriert ist. Die Hunde leben mit den Hundeführern zusammen, fahren mit ihnen in Urlaub und bleiben auch bei ihnen, wenn sie in Pension gehen, weil sie zu alt für den Job sind. „Im Prinzip verbringen wir mehr Zeit mit unseren Hunden als mit unseren Ehefrauen“, sagt Szeliga.

Nach Dienstschluss geht er mit den Hunden joggen, danach sind Gina und Yam so müde, dass sie nur noch schlafen. Persönliche Speicherkarten oder Handys irritieren die Hunde nicht. Sie fangen nur an zu suchen, wenn sie das Kommando „Spür!“ hören. „Sie könnten sonst ja nie entspannen, wenn sie in der Nähe von Handys oder anderen Datenträgern wären“, sagt Szeliga.