Zwischen Himmel und Erde: Als Gerüstbauer auf dem Kölner Dom

Zwischen Himmel und Erde : Als Gerüstbauer auf dem Kölner Dom

Wolfgang Schmitz wollte schon immer hoch hinaus. Zunächst dachte er daran, nach New York zu gehen und Wolkenkratzer zu bauen. Dann aber fand er einen anderen Job. Der liegt so hoch, dass die lautesten Geräusche dort die Schreie der Falken sind.

Wolfgang Schmitz turnt über Schluchten, Spalten und Klüften und hangelt sich von Zinne zu Zacke. Der 55 Jahre alte Mann ist Gerüstbauer am Kölner Dom. Die schwindelnden Abgründe sind für ihn kein Problem: "Das Schönste für mich ist, in 157 Metern Höhe auf der Kreuzblume der Turmspitze zu stehen und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Je höher, desto besser."

Schmitz' Arbeitsplatz kann man wohl als einmalig bezeichnen. Über ihm türmen sich Strebebögen und Pfeiler, umrankt von gemeißelten Blumen und Laubwerk. Weiße Engelsflügel schauen aus dem schwarzen Turmgestein hervor, monströse Wasserspeier und Dämonenfiguren reißen das Maul auf. Besonders gruselig: Auf dem Gerüst am Nordturm liegen abgenagte Vogelskelette herum. Das bedeutet, dass die Falken gut gespeist haben.

Ihre Schreie sind hier oben noch am lautesten. Sonst hört man nur das Rauschen des Autoverkehrs, Regen und Wind. Regen ist schlecht für Schmitz und seine fünf Kollegen: Auf nassen Verstrebungen kann man leicht ausrutschen. Und bei Wind müssen sie sich ebenfalls von den Außengerüsten zurückziehen - sonst ist die Gefahr groß, dass eine Böe sie heftig hin- und her wirft. Schließlich baumeln sie oft nur an einem einzigen Seil. Kälteempfindlich darf man nicht sein: Gerade jetzt sind es nur wenige Grad über Null.

Die Leute fragen immer: "Wann sieht man den Dom denn mal ohne Gerüst?" Antwort der Dombauhütte: "Hoffentlich nie!" Denn die Gerüste werden dringend gebraucht. Ein so komplexes Gebirge von Menschenhand muss ständig ausgebessert werden.

Einige Zahlen: 157 Meter hoch, größte Grundfläche aller Kirchen in Deutschland - mehr als ein Fußballfeld -, 10 000 Quadratmeter Fensterfläche, soviel wie ein komplett verglastes 30-stöckiges Hochhaus. Etwa 100 Menschen sind ständig damit beschäftigt, alte Bausubstanz durch neue zu ersetzen und den Dom so vor dem Verfall zu bewahren. Dafür aber müssen die entsprechenden Stellen eingerüstet werden. Und eben das ist die Aufgabe von Schmitz und seinen fünf Kollegen.

Der gelernte Zimmermann aus der Eifel arbeitet schon seit 32 Jahren für den Dom. "Ich beweg' mich hier wie 'ne Katze", sagt er. Dennoch verliert er nie den Respekt vor der Höhe. "Ein bisschen Angst hält die Geister wach", ist sein Credo. "Nur so geht's. Denn dafür ist, was wir hier machen, zu gefährlich." Ein falscher Tritt kann das Ende bedeuten.

Schmitz wollte schon immer hoch hinaus. Als junger Mann trug er sich mit dem Gedanken, nach New York auszuwandern, um dort Wolkenkratzer mitzubauen. 22 Jahre lang war er Fallschirmspringer, und auf seinem Handy zeigt er Fotos, die ihn beim Abseilen vom Fernsehturm "Colonius" zeigen. Der ist noch ein Stückchen höher als der Dom.

Schmitz kennt die entlegensten Winkel des 770 Jahre alten Labyrinths, alle schmalen Wandelgänge und geheimen Korridore, zu denen die Öffentlichkeit keinen Zutritt hat. Wenn man ihm auf diesen verschlungenen Pfaden folgt, ergibt sich immer mal wieder ein unerwarteter Blick in den weiten Raum des Kirchenschiffs mit seinen leuchtenden Riesenfenstern. Dann geht man unwillkürlich etwas langsamer.

Oben auf dem Turm verschmelzen Dom, Stadt und Himmel zu einer Einheit. Am meisten mag Schmitz den Sonnenaufgang, egal ob im Sommer oder im Winter. "Dann stell ich mich mit dem Gesicht nach Osten und lass die Sonne über Köln aufgehen", erzählt er. "Das passt dann schon."

Das passt dann schon. Wolfgang Schmitz ist kein Mann großer Worte. Er steht mit beiden Füßen auf dem Boden. "Muss ich ja wohl auch", sagt er. "Wenn's anders wär, hätt' ich den falschen Job."

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