GA-Serie "Rheinische Redensarten"

Wäe net hüere kann, moss föhle

Wer nicht hören will, muss fühlen.

Wer nicht hören will, muss fühlen.

In der Serie „Rheinische Redensarten“ beleuchten wir mit Unterstützung von Dialektsachverständigen bedeutungstiefe Redewendungen.

Es gibt rheinische Redensarten, die sind so natürlich nachvollziehbar – der Wissenschaftler würde sagen: evident –, dass sie nicht nur ohne Erklärung auskommen könnten, sondern gleich in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen sind. Sie sind quasi die Popstars der rheinischen Wahrheitsfindung. Und so kennen selbst dialektlose Muttersprachler den Satz: „Wäe net hüere kann, moss föhle“ auch im Hochdeutschen. „Wer nicht hören kann, muss fühlen“ ist ein Hinweis der Eltern an ihren Nachwuchs. Man kennt die Situation: Draußen ist es kalt, aber der Filius möchte partout keine Jacke anziehen. An dieser Stelle darf er seine Empfindungen an der kalten Realität draußen erproben.

Ähnlich sieht es aus, wenn man einen Wildfang in der Familie hat, der vielleicht mit dem Fahrrad völlig ohne Furcht über Hügel, Wald und Felder prescht. Das Wort Angst ist für ihn ein Fremdwort, die Neigung zur Vorsicht keine Kategorie. Wenn er mit den ersten Schürfwunden und Blessuren nach Hause kommt, dann ist der Satz angebracht. Wer nicht hören wollte, der muss tatsächlich den Schmerz fühlen.  

Ein aktuell gesellschaftlich interessanter Aspekt ist, dass diese Redensart von dem Vertrauen gespeist wird, die Realität werde den Nachwuchs schon das richtige Verhalten lehren. Und dazu braucht man schon Mut. Denn die heute so weit verbreitete Spezies der Helikoptereltern würde diese Gefahr nie eingehen. Sie sind peinlich darauf versessen, ihren Kindern jeglichen Schmerz zu ersparen. Dabei ist das die falsche Strategie und letztlich gar nicht möglich. Nur wo's weh tut, ist Entwicklung möglich. Das sagen jedenfalls die Psychologen. Und so transportiert unsere Redensart wieder einmal eine tief gehende Weisheit mit einfachen Worten.

Die Artikel zum rheinischen Dialekt entstehen in Zusammenarbeit mit dem Heimatfilmer Georg Divossen (www.bönnsch-abc.de). Haben auch Sie einen Lieblingsspruch, dann mailen Sie ihn uns an rheinisch@ga-bonn.de.