Projekt 180-Grad-Wende

Jugendliche mit ausländischen Wurzeln als Vorbild für andere

Zwei Vorkämpfer für das Projekt: Mimoun Berrissoun (links) und Walid Ben Fradj.

KÖLN. Fünf Jahre ist es her, dass ein marokkanisch-stämmiger Jugendlicher in Köln-Kalk von einem deutschen Jugendlichen erstochen wurde - in Notwehr, wie Polizei und Staatsanwaltschaft herausfanden. Doch Familien, Freunde und Nachbarn des 17-jährigen Salih L. glaubten nicht an Notwehr.

Einige hätten von "staatlichem Rassismus" gesprochen, erinnert sich Matthias Ferring, damals Leiter des Polizei-Bezirksdienstes Kalk. Abend für Abend demonstrierten vor allem Menschen mit Migrationshintergrund. Es habe das Gefühl geherrscht, dass der Staat mit deutschen Tätern anders als mit muslimischen Tätern umgeht, so Ferring.

Für Mimoun Berrissoun, einen damals 21-jährigen Studenten, war es der Anlass, der Polizei eine Idee vorzustellen. Jugendliche und junge Erwachsene mit ausländischen Wurzeln, die es geschafft haben, sollten quasi als Vorbild für andere dienen. Heute ist Berrissoun Leiter des Projekts "180-Grad-Wende", mit dem in vielen Kölner Stadtteilen jungen Menschen geholfen wird.

Im Kölner Polizeipräsidium machte er deutlich, worauf es bei dem Projekt ankommt. Es gehe nicht darum, "mit erhobenem Zeigefinger zu belehren", sondern auf junge Menschen zuzugehen, mit ihnen gewaltfreie Konfliktlösungen zu besprechen und ihnen danach eine Perspektive zur Wende in ihrem Leben aufzuzeigen. "Wenn junge Menschen erfolgreich sind, kommen sie nicht auf die Idee, sich zu radikalisieren oder kriminell zu werden", so Berrissoun.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) lobte bei der Veranstaltung das ehrenamtliche Engagement: "So viele sympathische junge Leute mit so viel Willen zur Zukunft - sie sind ein großes Stück Hoffnung für unsere Gesellschaft." Auch, um das Abdriften junger Menschen in extreme Richtungen zu verhindern. "Radikal wird jemand nur dann, wenn er sich selbst nicht Wert schätzt", sagte Friedrich und fügte hinzu, "wir wollen, dass der Geist von Köln das ganze Land ergreift."

Walid Ben Fradj ist einer der guten Kölner Geister. Der 28-Jährige ist Einkäufer bei Ford. Doch darüber hinaus kann es schon mal vorkommen, dass er als "Super-Nanny" aushilft, wie in jener Nacht vor einem Jahr. Gegen 2 Uhr erhielt er den Anruf eines jungen DeutschRussen, der mit seinem Vater in Streit geraten war.

Also fuhr Fradj einmal durch die ganze Stadt, schlichtete zunächst den Streit, forderte dann Vater, Mutter und Sohn auf, Verhaltensregeln für die Zukunft aufzuschreiben - und war zum Sonnenaufgang wieder zu Hause. "Heute ist der junge Mann bei der Bundeswehr, und sein Vater ist sehr stolz auf ihn."

Berrissoun, Fradj und acht weitere junge Leute sind sogenannte Coaches. Sie bilden Multiplikatoren aus, die ein Bewusstsein für die Probleme in den Stadtteilen wie Drogenkonsum oder Kriminalität erhalten sollen, die den Jugendlichen aber auch helfen können, wenn es um die Lehrstellensuche oder Hilfe bei Bewerbungen geht. Bisher sind 55 Multiplikatoren ausgebildet worden, 100 sollen es werden, damit mindestens 500 Jugendlichen geholfen werden kann.

Auch junge Frauen sind Coaches. Ümran Sema Seven hat zum Beispiel festgestellt, dass es bei den Mädchen nicht so sehr um Kriminalität, sondern eher um Bildung geht. "Wir versuchen sie, immer wieder zu ermutigen: eine Lehre zu beginnen oder auch Abitur zu machen." Dabei sei die Hilfe der Gleichaltrigen sehr wichtig. Zunächst werde das Projekt in Köln weitergeführt, hieß es, doch irgendwann wollten sie es auch "in andere Städte exportieren", sagte Berrissoun. Bedarf ist sicher da.