Unesco-Weltkulturerbe

Das erwartet Besucher im Schlossgarten von Brühl

Brühl. Das Unesco-Weltkulturerbe vor der Haustür: 19 Gärtner hegen und pflegen den Schlossgarten von Brühl mit seinen Beeten, Alleen, Wasserbecken und einem Wäldchen.

Wer die breiten Kieswege entlangspaziert, das Rauschen der Wasserfontänen im Ohr und den Duft von Vanilleblumen in der Nase hat, der kann nachvollziehen, warum Schloss Augustusburg mit dem Jagdschloss Falkenlust in Brühl die Lieblingsresidenz des Kurfürsten und Kölner Erzbischofs Clemens August von Bayern (1700-1761) war. Auf mehr als 100 Hektar erstreckt sich die Garten- und Parkanlage mit Beeten, Alleen, Wasserbecken und einem Wäldchen, die seit 1984 Teil des Unesco-Welterbes ist.

„Es ist einer der aufwendigsten Gärten in ganz Deutschland“, erklärt Christiane Winkler, Historikerin und Pressesprecherin von Schloss Augustusburg. Damit sich die Besucher beim Spaziergang wie ein Kurfürst fühlen können, pflegen 19 Gärtner das Areal nach historischem Vorbild. Finanziert wird die Anlage durch das Land NRW.

Herzstück des Areals ist das sogenannte Broderieparterre, das man sich am besten von der imposanten Schlosstreppe aus ansieht. Denn mit dem Blick von oben wird das Muster sichtbar, das dem Bereich seinen Namen verleiht: Wie eine feine Blumenstickerei – das französische Wort „broderie“ bedeutet Stickerei – ranken sich die Buchsbaumhecken um die Wasserbecken. In den langen Beeten blühen im Sommer 40 verschiedene Blumenmuster. „Das Gartenparterre ist der Festsaal unter freiem Himmel“, erklärt Winkler.

 

Entworfen wurde der Ziergarten mit dem zentralen Spiegelweiher 1728 von Dominique Girard nach dem Vorbild französischer Gartenkunst. Die viereckig geschnittenen Linden, die das Gartenparterre säumen, stammen sogar noch aus dem Jahr 1734. „Das sind echte Schätzchen“, sagt Winkler. Im 19. Jahrhundert gestaltete Peter Joseph Lenné den Park im Stil eines englischen Landschaftsgartens um. „Man erzeugte Parkbilder, die nicht inszeniert wirken sollten“, so Winkler. Dieser Stil findet sich auch heute noch im Waldbereich wieder mit den unregelmäßig geschwungenen Wegen und Weihern. Erst in den 1930er Jahren wurde das barocke Gartenparterre nach den Originalplänen rekonstruiert und wird seitdem erhalten.

Eigene Aufzucht von historischen Pflanzen

Zwar keine Schlossherrin, aber Herrin über den Garten ist heute Carmen Hauptmann. Die stellvertretende gärtnerische Leiterin erstellt jedes Jahr den Pflanzplan für den Ziergarten. Dabei orientiert sie sich an historischen Pflanzlisten. Gepflanzt werden nur die Sorten, die auch schon zu Lebzeiten des Schlossherrn im 18. Jahrhundert existierten. Gleichzeitig müssen die Gewächse aber auch den heutigen klimatischen Veränderungen standhalten.

In diesem Jahr kommen in die Beete fünf hochwachsende Sorten: Blauer Salbei, Gelbe Margerite, Rosa Bechermalve, Indisches Blumenrohr und die Wunderblume. Darum herum werden acht niedrigere Gewächse gesetzt: Roter Kugelamarant, Duftsteinrich, Gewürztagetes, Vanilleblume, Weißer Salbei, Sonnenhut, Gelbes Löwenmäulchen und Geranie. Vieles verströmt einen angenehmen Duft. „Das gehört auch zur Idee des Lustwandelndes dazu“, so Winkler. Die Lieblingspflanze der Besucher ist allerdings der rote Kugelamarant. „Der sieht aus wie ein Bonbonstrauch“, sagt Hauptmann. Momentan ist dieser erst wenige Zentimeter groß und gedeiht noch im Gewächshaus in der Schlossgärtnerei. „Hier ziehen wir die Pflanzen an, die wir nicht kaufen können“, erklärt Hauptmann.

Aufgereiht in kleinen Töpfchen wachsen die Pflänzchen hier, bis sie ab Mitte Mai in die Beete kommen. Andere Sorten werden als sogenannte Rohware geliefert, umgetopft und ebenfalls gelagert, bis sie nach draußen können. In einer Nachbarhalle überwintern die riesigen Lorbeerbäume in quadratischen Kübeln. Hauptmann schätzt ihr Alter auf etwa 120 bis 150 Jahre. Auch zwei Mandarinenbäume stehen in der gläsernen Halle. Durch eine Inventarliste, die nach dem Tod von Clemens August erstellt wurde, wissen sie, dass schon der Kurfürst eine Reihe von Zitrusbäumen gesammelt hat. „Das hatte auch eine politische Aussage“, erklärt Winkler. „Es steht für die Herrschaft über die Natur, etwas aus dem Süden hier zu ziehen“, ergänzt Hauptmann.

Sobald es wärmer, aber noch bewölkt ist, kommen die massiven Lorbeer-Kübel auf die Ostseite der Schlossterrasse, die kleineren nach Falkenlust. Dank einer silbernen Folie, die wie eine Gardine unterhalb des gläsernen Dachs aufgezogen wird, bleibt es auch im Winter im Inneren fünf bis acht Grad warm. Bei der Gartenplanung orientieren sich die Gärtner an historischen Aufzeichnungen. „Reiseberichte sind auch sehr hilfreich“, sagt Winkler. Stiche seien hingegen oftmals idealisierte Darstellungen und für die Rekonstruktion nur eine bedingt zuverlässige Quelle. Aus einem Eintrag wissen sie, dass das Gartenparterre früher in den bayrischen Farben blau und weiß gehalten wurde. Überliefert ist auch, dass sich der Kurfürst aus dem Hause Wittelsbach in einer venezianischen Gondel über die Weiher zu einem indianischen Teehaus chauffieren ließ, das im 19. Jahrhundert abgebaut wurde. „Der Weiherstand gibt das heute auch nicht mehr her“, sagt Winkler.

Der März ist der arbeitsreichste Monat

Eine spezielle Ausbildung zum historischen Gärtner gibt es bisher nicht, einige lassen sich in Schlossgärten ausbilden und tauschen sich mit Kollegen in ganz Europa aus. Hauptmann hat ihre Lehre im Schlossgarten von Bad Homburg absolviert, ein Mitarbeiter hat in Sanssouci in Potsdam gelernt. Für die Gärtner ist März der arbeitsreichste Monat. Aktuell werden die Buchsbaumhecken Pflänzchen für Pflänzchen ausgetauscht, rund 7000 Stück, um den Garten für den Sommer vorzubereiten. Während andere Schlossgärten ihre Zierbeete mit Eisenformen eingefasst haben, fehlt diese Orientierungshilfe in Brühl. Das Pflanzen im Mai ist daher zentimetergenaue Handarbeit.

Umso ärgerlicher ist es für das Team, wenn Touristen im Sommer für Fotos in den Beeten herumstapfen. Obwohl drei Parkwächter täglich in der Anlage unterwegs sind, finden die Gärtner immer wieder Formen der Zerstörung. In die Rinde eines Baums hat jemand zwei große Initialen eingeritzt. „Der Baum wird absterben“, sagt Hauptmann. Dass der Park für die Öffentlichkeit zugänglich ist, hat schon seit der kurfürstlichen Zeit Tradition. Der Garten war zu Lebzeiten seines Erbauers für Besucher offen – allerdings nur, wenn der Schlossherr nicht in Brühl weilte. Auch an diesem Morgen spazieren bereits kurz nach der Öffnung die ersten Besucher durch den Garten, eine Familie ist mit ihrem Kind unterwegs, ein Jogger läuft den Spiegelweiher entlang.

„Das Wichtigste beim Gärtnern ist, dass man sich etwas traut“, sagt Hauptmann zum Abschluss. Ein Tipp, der sicher auch auf den heimischen Garten anwendbar ist. Seit Montag sprudeln die Fontänen wieder. Die volle Blütenpracht sehen die Besucher ab Juni.