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Grabstätte in Köln: 6000 Grabsteine stehen auf jüdischem Friedhof

Grabstätte in Köln : 6000 Grabsteine stehen auf jüdischem Friedhof

Der jüdische Friedhof in Deutz gleicht einem einzigartigen Biotop. Das ist durchaus gewollt, erfährt man bei Führungen.

Das braune Herbstlaub raschelt unter den Schuhsohlen. Warme, goldgelbe Strahlen wirft die Nachmittagssonne auf die zum Teil schon dunklen und im Laufe der vergangenen Jahrhunderte stark von der Witterung gezeichneten Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof in Köln-Deutz. Er liegt etwas versteckt am Judenkirchhofsweg, nur einen Steinwurf von der Weiterbildungsschule Köln-Kolleg entfernt, hinter einem grünen Eisentor, von dem bereits die Farbe absplittert. Bäume und hüfthohe Gräser wachsen wild um die Gräber herum. Der Friedhof, der zur Synagogen-Gemeinde Köln gehört und deren Gotteshaus an der Roonstraße steht, wirkt verschlafen, unberührt und nahezu einsam. Wäre da nicht eine Gruppe mit mehr als 20 Teilnehmern, die Winfried Günther (65) durch die zugewachsenen Grabreihen folgen und seinen Erzählungen über Kölns ältesten jüdischen Friedhof von 1695 für zwei Stunden aufmerksam lauschen. Der Friedhof ist der einzige seiner Art, der im heutigen Kölner Stadtgebiet noch erhalten ist (siehe Infokasten).

Günther ist als Referent bei der Synagogen-Gemeinde angestellt und war 19 Jahre lang Verwalter des jüdischen Friedhofs in Bocklemünd, auf dem auch heute noch bestattet wird. Dass er bereits seine fünfte Führung an diesem Oktobernachmittag macht, merkt man ihm nicht an. Kurz vorher war er noch in der Synagoge an der Roonstraße und führte dort Besucher durch die Räume.

6000 Grabsteine stehen auf dem Friedhof

Günther ist von schlanker Statur, hat weiße Haare, einen weißen Bart, trägt ein weißes Hemd, eine schwarze Jacke und schwarze Jeans. Freundlich blinzeln seine Augen durch seine ebenfalls schwarze Brille. Auf dem Kopf trägt er, wie es sich für einen männlichen Juden auf einem jüdischen Friedhof gehört, eine scheinbar handgefertigte Kippa. „Sie werden es nicht glauben, aber ein Großteil der Leute denkt nach wie vor, dass Juden reich sind und nichts von ihrem Geld abgeben wollen“, sagt er unumwunden. Schweigen. Das sei nur ein Vorurteil von vielen, so, wie „dass alle Juden fromm sind und alle einen Bart haben“, ergänzt er lachend.

Die Gruppe streift an Gräbern von Berühmtheiten vorbei wie den Philosophen Moses Hess und Isaac Offenbach, Jacques Offenbachs Vater, der als Kantor der jüdischen Gemeinde in Köln gearbeitet hat und seine letzte Ruhestätte 1850 in Deutz fand.

An die 6000 Grabsteine stehen auf dem jüdischen Friedhof, darunter auch eine recht prunkvolle Stehle des Oppenheim-Clans. Bis 1942 fanden auf dem Deutzer Friedhof noch Bestattungen statt. Ein Großteil der eingemeißelten Inschriften, sowohl in hebräischen als auch in lateinischen Buchstaben, ist im Laufe der Jahrhunderte und Jahrzehnte verblasst. Einige Lettern, die dreidimensional aus Eisen gefertigt sind, wurden aufgrund des Eisenmangels während der beiden Weltkriege von den Steinen gestohlen und eingeschmolzen. Andere Grabsteine wiederum, die aus Sandstein und nicht aus Marmor sind, bröckeln regelrecht in sich zusammen. Das sei auch gewollt. Auch, dass die Vegetation im Vergleich zu einem christlichen Friedhof üppig und naturbelassen wächst: „Wir haben nicht viel fürs Gärtnern übrig“, lautet Günthers Erklärung. Es störe nicht, dass der Friedhof einem Gemälde aus der Romantik gleicht. Im Gegenteil. Dieses Pittoreske mache ihn charakteristisch und zu einem Wohlfühlort für Uhu, Bussard, Schmetterling, Igel und Hummel.

Prunkvolle neben schlichten Särgen

Aus diesem Grund werden die Pflanzen nur zur passenden Jahreszeit geschnitten und Gräser traditionell mit Sichel und Sense bearbeitet. Unterstützt wird die unkonventionelle Pflege von der Kölner Kreisgruppe des BUND. Den preußischen Einfluss erkennt man nur bei einigen Grabsteinen, die nicht aufrecht stehen, sondern liegen. Grund: Während des Napoleonischen Krieges wollten die Preußen beim Schießen freie Sicht auf die Franzosen haben.

Laut Günther gebe es nur wenige Angehörige, die noch auf den Friedhof kommen. Diese reisten aus allen Teilen der Welt, aus Australien, den USA, Kanada, Mexiko, Argentinien, Europa und auch aus Israel an. Dann legten sie statt Blumen Steine auf die Grabsteine oder Platten. „Es ist egal, woher der Stein stammt – aber ganz bestimmt nicht vom Nachbargrab“, sagt Günther. Die Gruppe lacht.

Bestattet wird nicht in prunkvollen oder teuren Särgen aus Mahagoniholz, sondern in schlichten Kisten aus Fichtenholz oder in Leichentüchern, nachdem die Verstorbenen rituell gereinigt wurden. „Unter der Erde sind alle gleich“, betont Günther und erklärt, dass eine Einäscherung für Juden nicht infrage komme, weil sie sonst nicht mehr auferstehen können. „Schließlich soll jeder die Chance auf Auferstehung haben, wenn der Messias kommt“, sagt er. Wann das sein wird, weiß natürlich niemand. Aber Günther ist davon überzeugt, dass er schon da wäre, wenn alle Juden den Schabbat (Ruhetag) einhalten würden: „Das machen und versuchen aber gerade mal ein Prozent der Gläubigen. Der Rest lebt so dahin, so unter dem schlechten Einfluss der Mehrheit.“