GA-Serie "Rheinische Redensarten": Jede Jeck es anders

GA-Serie "Rheinische Redensarten" : Jede Jeck es anders

In der Serie „Rheinische Redensarten“ beleuchten wir mit Unterstützung von Dialektsachverständigen bedeutungstiefe Redewendungen.

Im Zentrum der fünften Jahreszeit, im Epizentrum des Karnevals, hat eine rheinische Redensart Konjunktur, die mehr als jede andere die Toleranz des Rheinländers thematisiert: „Jede Jeck es anders!“ Ausnahmsweise würde an dieser Stelle ein wörtliche Übersetzung ins Hochdeutsche bedeutungsmäßig auf die völlig falsche Fährte führen. Denn der strenge Wortlaut hieße: Jeder Verrückte ist anders.

Tatsächlich ist hier aber nicht von Verrückten die Rede, sondern von uns allen. Denn wer ist schon normal? Wahrscheinlich niemand! Und so sind wir alle irgendwie verrückt, jeck. Aber eben jeder auf seine eigene Weise. Es müsste also übersetzt werden mit: Jeder ist anders verrückt. Und das ist das Liebenswerte. Jeder ist, wie er ist, und das darf auch so sein. Ob verkleidet oder nicht. Einen entspannenderen Freibrief für eine individuelle Lebensweise könnte es kaum geben. Jeder soll nach seiner Facon glücklich sein.

Das Wort Jeck stammt indes vom niederdeutschen Begriff Geck ab. Und weil der Rheinländer so ziemliches jedes G zum J macht, ist der Weg zum Jeck äußerst kurz. Wie LVR-Sprachforscher Peter Honnen feststellt, ist der Geck als Schimpfwort am Niederrein schon seit 1385 nachgewiesen, und zwar als „Hofnarr der Bischöfe von Köln und Lüttich“. Die älteste, aber fragwürdige Entstehungslegende bezieht sich auf die Bibelstelle im Alten Testament, Sprüche 30,1, wo der Sohn „Jakes“ sagt: „Ich bin der Allertörichtste, und Menschenverstand habe ich nicht.“

Übrigens verkleiden sich zu Karneval nicht nur die Jecken, sondern auch die Sprache. Damit hat sich Honnens Kollege Georg Cornelissen beschäftigt. Demnach gibt es einige Vokabeln, die auch der Neu-Rheinländer an den tollen Tagen kennen sollte, um sich im Karneval zurechtzufinden:

Jeck=Karnevalist, Kamelle=Bonbon, Bützje=Küsschen, Strüßje=Blumenstrauß, Bütt=Rednerpult, Fastelovend=Karnevalszeit, Immi=Zugereister, Lecker Mädche=hübsche Frau, Wiever=Frauen,

Zoch=Karnevalsumzug, Stippeföttche=besonderer Gardetanz und – vielleicht am Wichtigsten – der Karnevalsruf Alaaf. Letzterer leitet sich wohl her von: „alles ab“ und bedeutet: Alles andere ist im Vergleich dazu nichts wert“. In diesem Sinne: Alaaf!

Haben auch Sie einen rheinischen Lieblingsspruch, dann mailen Sie ihn uns unter rheinisch@ga-bonn.de. Die „Rheinischen Redensarten“ aus der wöchentlichen Kolumnenserie des General-Anzeigers sind als Buch erschienen und im Handel zu haben. Das gedruckte Werk hat die Edition Lempertz verlegt, ISBN: 978-3-96058-211-3, es kostet 9,99 Euro.