Aktiengesellschaft Bad Neuenahr: Insolvenzverwalter hält Sanierung für möglich

Aktiengesellschaft Bad Neuenahr : Insolvenzverwalter hält Sanierung für möglich

Die Aktiengesellschaft Bad Neuenahr (AGBN) ist nicht überschuldet. Dies geht aus dem Insolvenzbericht hervor, den Insolvenzverwalter Jens Lieser dem Amtsgericht Ahrweiler vorgelegt hat. Vielmehr kommt es nach dem von Lieser aufgestellten Zahlenwerk zu einer „Überdeckung“ von 19 Millionen Euro.

Die Insolvenzforderungen gibt Lieser mit acht Millionen Euro an, denen eine „Freie Masse“ von 27,2 Millionen gegenüberstehen. „Ich halte eine Sanierung der Schuldnerin für aussichtsreich“, schrieb Lieser. Die Kosten für das Insolvenzverfahren bezifferte der Koblenzer Rechtsanwalt auf 1,59 Millionen Euro. Die Vergütung und Auslagen des Sachwalters gab Lieser mit 1,5 Millionen an, 90.000 Euro betragen demnach die geschätzten Gerichtskosten.

Nach dem Bericht, der dem GA vorliegt, ist das Unternehmen zahlungsunfähig, da fällige Verbindlichkeiten bestehen, die nicht aus liquiden Mitteln beglichen werden können. Die Insolvenzgründe: Aus Lieferungen und Leistungen werden Schulden in Höhe von 1,2 Millionen angegeben, geschuldete Löhne und Gehälter inklusive Sozialversicherungsbeiträge schlagen mit rund 800 000 Euro zu Buche, zudem steht man bei den Ahrtal-Werken mit 1,26 Millionen Euro in der Kreide. Hinzu kommen noch Steuerzahlungen. Im Ergebnis kommt Lieser auf 3,28 Millionen Euro, die fällig sind aber nicht bedient werden können. 1,7 Millionen stehen an Guthaben, Kassenbestand und Forderungen auf der Habenseite. Das Problem: „Freie Kreditlinien stehen nicht zur Verfügung. Damit ergibt sich eine Liquiditätsunterdeckung von 1,569 Millionen Euro“, so Lieser.

Das Geschäftsmodell der AGBN sei seit Jahren nicht profitabel, wertete er. Es fehle seit den 90er Jahren ein „nachhaltiges und tragfähiges Geschäftsmodell“. „Die Schuldnerin war nicht in der Lage, die Veränderungen im Gesundheitswesen und die damit einhergehenden Umsatzeinbußen zu kompensieren“, heißt es im 51-seitigen Bericht. Die Umsatzerlöse seien alleine in den Jahren 2012 bis 2014 von 9,187 Millionen auf 8,668 Millionen Euro zurückgegangen, wenngleich in diesem Zeitraum auch die Fehlbeträge von 1,18 Millionen auf 0,85 Millionen gedrosselt werden konnten.

Anhängig sind aktuell noch Rechtsstreitigkeiten. Beispielsweise gegen ehemalige Vorstände und Aktionäre. Dabei geht es um nicht weniger als 5,5 Millionen Euro. Eine Sonderprüfung soll untersuchen, ob die AGBN die für den Betrieb der Spielbank genutzten Räume – also das Casino – sowie ein Verwaltungsgebäude an die Spielbank Bad Neuenahr GmbH & Co. KG zu Konditionen vermietet hat, die unter den marktüblichen Bedingungen liegen. Das Verfahren ist beim Landgericht Koblenz anhängig (AZ 1 HK O 147/14). Hinter der Spielbank stehen als Gesellschafter dieselben Personen, die gemeinsam als „Interessengemeinschaft von Aktionären der AGBN“ auch 54 Prozent des Aktienkapitals des insolventen Unternehmens halten. Weiterer Rechtsstreit: die Heilwasserleitung zu Apollinaris. Die Aktiengesellschaft hat bekanntlich beim Landgericht Koblenz (AZ 9 O 161/15) eine Feststellungsklage gegen die Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler eingereicht. Sie will erreichen, dass gerichtlich festgestellt wird, dass ihr die Rechte an Wasserleitungen vom Heilwasserbrunnen zu Apollinaris zustehen. Ferner will die AGBN Ansprüche in Höhe von zwei Millionen Euro gegen den Kreis Ahrweiler und den Kreis Bad Dürkheim wegen angeblich zu viel gezahlter Spielbankabgabe geltend machen (der GA berichtete). Allerdings ist diese Forderung in Liesers Insolvenzbericht nicht aufgeführt.

Voraussetzung für eine erfolgreiche Sanierung sei, „dass im eröffneten Verfahren die Betriebsabläufe effizienter gestaltet und Einschnitte auf der Kostenseite durchgesetzt werden.“ Ferner müsse sich die AGBN konsequent auf die Geschäftsfelder der Vermietung und Verpachtung sowie den Betrieb der Seniorenresidenz („Villa Sibilla“) konzentrieren, empfahl Lieser. Die Villa Sibilla alleine erzielt übrigens 60 Prozent der gesamten Umsatzerlöse der AGBN. Die Einrichtung leide „unter massiver Unterauslastung“. Derzeit seien lediglich 113 von 144 Wohnungen vermietet. Aktuell seien 48 Bewohner über 90 Jahre alt. Lieser: „Unterstellt man (wie 2015) für 2016 eine Mortalität von 27 Bewohnern, sinkt die Auslastung der Seniorenresidenz weiter dramatisch.“

Für das laufende Jahr rechnet der Insolvenzverwalter mit folgenden „Plangewinn- und -verlustrechnungen“: 8,4 Millionen Euro Erlöse sollen demnach 9,8 Millionen an Ausgaben gegenüberstehen. Defizit aus dem operativen Geschäft: 1,4 Millionen Euro. Der fristlos gekündigte Vorstand Christoph Reinicke kommt zu einem sehr viel anderen Ergebnis: Er sieht einen leichten Gewinn am Jahresende, was vor allem auf höhere Erträge (Lieser 8,5 Millionen, Reinicke 9,7 Millionen Euro) zurückzuführen ist.

Ohnehin weichen die Darlegungen von Lieser und Reinicke zum Teil erheblich voneinander ab. Reinicke wirft Lieser gleich mehrere gravierende, „sofort erkennbare Berichtsfehler“ vor. Hierzu gehören beispielsweise in Liesers Bericht aufgeführte Forderungen des Landes in Höhe von 2,2 Millionen Euro Rückzahlung von Fördermitteln für den so genannten „Bademantelgang“, der das Thermal-Badehaus mit den Ahr-Thermen verbindet. Reinicke: „Das Risiko aus dieser Besicherung wurde ausdrücklich und vollständig mit dem Kaufvertrag vom 11. Juli 2014 an die Stadt übergeben und ist somit hier nicht zu berücksichtigen.“

Nach Informationen des GA liegen Lieser konkrete Kaufangebote für die AGBN vor. Zu den Anbietern zählt eine große chinesische Beteiligungsgesellschaft, welche die AG in ihrer jetzigen Struktur komplett übernehmen will. Bis zu 20 Millionen Euro seien die Chinesen bereit, für das ins Straucheln geratene Traditionsunternehmen auf den Tisch zu legen, wurde dem GA mitgeteilt. In einem ersten Angebot war die Rede von 15 Millionen gewesen.