Blick auf vergangene Mythen: Im Kreis Ahrweiler wurden seltsame Heilige verehrt

Blick auf vergangene Mythen : Im Kreis Ahrweiler wurden seltsame Heilige verehrt

Im Kreis Ahrweiler verehrte man einst einige seltsame Heilige. Aus Herkules wurde zum Beispiel der Sankt Herkelenz. Und in Sinzig trieb man Schabernack mit einem „heiligen Vogt“. Ein Blick auf Mythenbildung.

Als ob die Geheimnisse spirituellen Lebens und die Ungereimtheiten im weltlichen Alltag nicht ausreichten, haben die Menschen stets emsig dazu beigetragen, dass die Mythenbildung zu keiner Zeit ins Stocken kam. In Sinzig verehrte man einen „heiligen Vogt“. Der Umstand seines unverwesten Leichnams allein, der erstmals 1736 erwähnt wird, führte allerdings nicht zur Huldigung. Im Gegenteil: Die Sinziger beliebten mit dem Toten in Lederhaut unverfroren Schabernack zu treiben, ihn bei Fastnachtsumzügen mitzuführen und in Hauseingänge zu setzen, um die Mädchen zu erschrecken.

Als die Fürstäbtissin von Essen, Kunigunde von Sachsen, auf der Durchreise nach ihrem Breisiger Ländchen von dem Unfug erfuhr, ließ sie den Körper bekleiden und in einen weißen Sarg mit Glasdeckel betten. Danach wird 1786, dem Jahr ihrer Wahl zur Fürstäbtissin, zum ersten Mal von einer volkstümlichen Verehrung des Leichnams berichtet. Es handelt sich um Johann Wilhelm von Holbach, Vogt der jülichen Herzöge in Sinzig und Remagen, gestorben am 10. März 1691. Noch vielmals hat er den Aufbewahrungsort wechseln müssen, bis er schließlich im Mai 2017, mehr verdeckt als sichtbar, in den Boden der Pfarrkirche Sankt Peter gelegt wurde.

1797 hatten ihn gar französische Revolutionstruppen „entführt“. 1815 bejubelte die Bevölkerung teils barfuß und Kerzen haltend seine Rückkehr nach Sinzig. Es hat sie indes nicht davon abgehalten, später bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, die merkwürdigen „Scherze“ mit der „Leddemännche“ genannten Mumie wieder aufzunehmen. Ob der Tote wirklich „der wunderlichste Heilige im ganzen Rheinlande ist“, wie der Autor eines Beitrags in der Zeitschrift „Die Gartenlaube“ 1881 anmerkte? Da möchte man sich lieber nicht festlegen. Denn manche Darstellung und einst geübter religiöser Brauch widerspricht dem, was nach dem heutigen Empfinden angemessen scheint.

Typ der Türkenmadonna

Die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Christentum und Islam brachten ab Ende des 17. Jahrhunderts den Typ der „Türkenmadonna“ hervor. Eine der ganz wenigen noch erhaltenen findet sich in Kirchsahr. Maria hält ein Schwert in der Hand und das Jesuskind einen abgeschlagenen „Türkenkopf“. Die Figur entstand ein Jahr nach dem Sieg des Prinzen Eugen vor Wien gegen die Türken 1683. Die martialische Geste wirkt heute befremdlich. Wundern kann man sich allerdings auch über einen völlig harmlosen Heiligen. Dank Otto von La Valette Saint George, in dessen Familie durch Erbfolge das Gut Pützfeld und die Pützfelder Marienwallfahrtskapelle im 19. Jahrhundert kamen, weiß man noch vom „Heiligen Herkelenz“. Er schrieb im Eifel-Kalender 1936, dass in der Kapelle „ein in seinen Ausmaßen gigantischer und wunderbar schöner, aus Buchenholz geschnitzter heiliger Christophorus“ die Kanzel in Form einer Weltkugel trug.

Ein Düsseldorfer Maler, der häufig die Ahr besuchte und sich mit den Heiligen nicht sonderlich auskannte, deutete neugierigen Bauernfrauen im Gotteshaus die „in natürlichen Farben getönte und mit einer merkwürdigerweise grün gefärbten Löwenhaut bekleidete Figur“ als Herkules, einen Halbgott, der Heldentaten ausgeführt habe. Bald sah man in ihm einen berühmten Heiligen mit Namen Herkelenz, dessen Fürbitte wunderbare Heilungen erwirkt habe, auch Hilfe für kinderlose Frauen: „Seine nackten Knie wurden vollständig blank geküsst und mit unzähligen Namen bedeckt.“

Ortsgeistigkeit lehnte Verehrung ab

Die Ortsgeistlichkeit lehnte diese Verehrung ab. Schließlich bat das Generalvikariat beim erzbischöflichen Stuhl den Vater des Beitragschreibers, die Figur zu entfernen. Dieser ließ sie in den 1870er Jahren nach seinem Besitz Haus Auel bringen. Als aber gegen Ende 1918 die Kanadier, unter denen sich zum Teil recht rohe Wildwestgestalten befanden, das Schloß besetzten, trieben sie mit der Figur schandbaren Spott und Unfug. „Sie bekleideten sie mit ein paar alten Pelzen, setzten sie auf einen Springbrunnen, schlugen ihr Arme und Beine ab und verbrannten schließlich die Reste.“