Gedenken an 9. November: Gedenktag und Feiertag in Ahrweiler Synagoge

Gedenken an 9. November : Gedenktag und Feiertag in Ahrweiler Synagoge

Der Bürgerverein gründete sich vor 40 Jahren und gedachte der Pogromnacht vor 80 Jahren. 200 Christen bildeten als Zeichen der Solidarität eine Lichterkette von der Sankt Laurentiuskirche bis zur Synagoge.

Gedenken an die schwärzesten Stunden Deutschlands und dabei einen runden Vereinsgeburtstag feiern, lässt sich das überhaupt vereint darstellen? Wenn das Geburtstagskind eines ist, das sich zur Völkerverständigung vor allem zwischen Deutschland und Israel bekennt, und wenn das Gedenken den Verbrechen an den Juden im Dritten Reich gilt, dann geht das. Und so wurde am Freitag, also am 9. November, in Ahrweiler zum einen der Reichpogromnacht 1938, also vor 80 Jahren erinnert, und zum anderen das 40-jährige Bestehen des Bürgervereins Synagoge Ahrweiler begangen. Dort, wo sich einst die jüdische Gemeinde zum Gebet traf, in der ehemaligen Synagoge in der Altenbaustraße, fand das Geschehen statt. Eingerahmt in ein Konzert des Bonner Musikensembles AGA+, das sich jüdischer Musik widmet, kamen die Festredner zu Wort.

Zuvor aber hatte es einen starken Auftritt der christlichen Kirchen der Stadt gegeben. Sie hatten eingeladen zu einer Lichterkette, mit der die Sankt Laurentiuskirche auf dem Ahrweiler Marktplatz und der gut 100 Meter entfernte Synagogenbau verbunden werden sollten. Knapp 200 Menschen mit Kerzen in den Händen bildeten dieses Zeichen der Verbundenheit und der Solidarität, bei der der evangelische Pfarrer Friedemann Bach nicht nur an den 9. November als Schicksalstag der Deutschen mit der 100. Wiederkehr der Ausrufung der Weimarer Republik, der Pogromnacht vor 80 Jahren und dem Fall der Berliner Mauer vor 29 Jahren erinnerte. Bach machte auch deutlich, dass die von den Menschen an der Osterkirche in Sankt Laurentius angezündeten Kerzen diese mit dem „Juden Jesus Christus“ verbinden.

Bürgerverein vor 40 Jahren entstanden

Der stellvertretende Vorsitzende des Bürgervereins Synagoge, Thomas Rheindorf, dankte in der bis auf den letzten Platz besetzten ehemaligen Synagoge den Kirchen für die gezeigte Solidarität an einem ambivalenten Tag der Gegensätze, an dem sich lauter Jubel über den Vereinsgeburtstag nicht zieme und bleierne Verborgenheit den Verein nicht würdige. Rheindorf blickte zurück. Auf das Jahr 1938, als die Nazis einen ersten Impuls einer den todbringenden Kettenreaktion mit der Zerstörung der Synagogen setzten. Dass das Volk seinerzeit ohnmächtig zusah, bestritt Rheindorf: „Die späteren Berichte sagen etwas anderes.“ Und auch in den heutigen Tagen brüllen unbescholtene Bürger wieder Hasstiraden. „Die Gesellschaft wird immer mit Nazis leben müssen“, so der Pastor in Erinnerung an Geschehnisse in Berlin, Chemnitz oder Hoyerswerda.

Vor 40 Jahren entstand der Bürgerverein Synagoge, auf dessen Entstehungsgeschichte Rolf Deißler aus dem Vorstand des Vereins einging. Anfang November 1976 fuhr eine 18-köpfige Jugendgruppe im Rahmen der Aussöhnung und des internationalen Jugendaustauschs nach Israel, kritisierte die Zweckentfremdung des Bethauses und forderte die Stadtverwaltung in einem öffentlichen Brief auf, sich über Restauration und Rekultivierung der Synagoge Gedanken zu machen. Damals nutzte die Ahrweiler Raiffeisenkasse das 1894 fertiggestellte Haus als Düngemittellager. Als Alfred Schuck in einem offenen Brief an die Stadt forderte, diese Nutzung zu beenden, kam es zur öffentlichen und politischen Diskussion.

Erste Erwähnung im 13. Jahrhundert

Schließlich beschloss der Stadtrat, sich der Erhaltung der Synagoge nicht zu widersetzen. In der Folge gründete sich die Bürgerinitiative mit damals rund 70 Personen, erster Vorsitzender wurde Superintendent Hans Warnecke. 1981 erwarb der Bürgerverein die Synagoge für 60.000 D-Mark und renovierte von 1984 bis 1990 den denkmalgeschütztem Bau in Abstimmung mit dem Landeskonservator für 500.000 D-Mark. Heute ist das Haus, so Rheindorf, die schönste kulturelle Veranstaltungsstätte in der Kreisstadt, in der es keine jüdische Gemeinde mehr gibt. Über diese hatte Deißler ebenfalls referiert. Erstmals erwähnt wurden Juden in Ahrweiler im 13. Jahrhundert, ihre Zahl blieb meist im unteren zweistelligen Bereich.

Zwischen den teils traditionellen, teils modernen Musikstücken, einer Melange aus Klezmer, Jazz, Tango und Folk, die Gabriella Acsai (Flöte), Anja Städtler (Violine), Astrid Kröger-Schönbach (Akkordeon) und Frederic Schönbach (Kontrabass) vortrugen, kamen weitere Vorstandsmitglieder des Bürgervereins zu Wort. Horst Saul trug mit der „Todesfuge“ ein Gedicht des deutschsprachigen Lyrikers Paul Celan vor, das mit lyrischen Mitteln die nationalsozialistische Judenvernichtung thematisiert. Annemarie Müller-Feldmann referierte über die jüdischen Friedhöfe in Bad Neuenahr-Ahrweiler.