"Einziger Zivilschutz ist die Weite des Landes"

"Einziger Zivilschutz ist die Weite des Landes"

Der Bonner Stefan Reckert arbeitet für die Deutsche Welthungerhilfe in Dschalalabad - Als einer der letzten Europäer Afghanistan verlassen

Bonn. Am Morgen einige Telefoninterviews, nachmittags weitere Terminanfragen, und am Abend schaut noch rasch ein Kamerateam vorbei: Als Gesprächspartner der Medien ist Stefan Reckert derzeit ein gefragter Mann. Der 38-jährige Mitarbeiter der Deutschen Welthungerhilfe kann aktuell aus Afghanistan berichten, das er vor einer Woche als einer der letzten Europäer verlassen hat. Am Mittwochabend kehrte er aus Pakistan nach Bonn zurück.

"Glücklicherweise befanden sich drei unserer insgesamt sechs Mitarbeiter im Urlaub außerhalb Afghanistans, so dass wir nur zu dritt waren, als es ernst wurde", erzählt Reckert. Dass es überhaupt kritisch werden könnte, erkannte er, als sich sogar das Internationale Komitee des Roten Kreuzes aus dem Land zurückzog. Seit elf Jahren ist der gelernte Maurer beruflich in der Entwicklungshilfe beheimatet, seit Januar arbeitete er in dem vorderasiatischen Land an Projekten zur Trinkwasserversorgung, Bewässerung und Ernährungssicherung.

Wegen möglicher Angriffe der USA auf Afghanistan sowie der Gefahr von Vergeltungstaten der afghanischen Bevölkerung gegen Angehörige westlicher Staaten haben Reckert und seine Kollegen auf Anraten des Auswärtigen Amtes ihre Arbeit unterbrochen. So tauschte der gebürtige Bonner seinen Arbeitsplatz im staubigen Dschalalabad gegen ein Büro mit Blick auf die verregnete Adenauerallee. "Zwangsläufig", betont er und deutet auf einige gepackte Koffer neben der Tür. "Sobald es die Lage erlaubt, sitze ich wieder im Flugzeug", versichert Reckert. Derzeit verfolgt und lenkt er das Projekt per Telefon und Email, über die er mit seinen afghanischen Kollegen verbunden ist.

Zunächst habe er noch versucht, seine Arbeit von Pakistan aus fortzuführen. "Bald darauf stellte sich aber heraus, dass wir in dieser Form auch von Bonn aus delegieren können". So sei die Entscheidung für den Rückflug gefallen, als am Mittwoch die vorerst letzten Tickets nach Europa angeboten wurden. Besonders fielen in Afghanistan zurzeit die Flüchtlingsbewegungen auf. "Viele Afghanen verlassen das Land. Große Ströme bewegen sich allerdings auch innerhalb Afghanistans und fliehen aus Angst vor Luftangriffen auf größere Städte aufs Land. Einziger Zivilschutz ist die Weite des Landes"; Bunker, Luftschutzräume oder Schutzmasken für die Zivilbevölkerung gebe es nicht. "Den Truppen der Taliban geht es diesbezüglich übrigens nicht viel besser", meint der 38-Jährige.

Während sich nun die Flüchtlingstrecks durchs Land schieben, verschlechtert sich die Nahrungsversorgung zusehends. "Schon vor der aktuellen Krise war die Lage schlecht, 22 Jahre Krieg haben verheerende Spuren hinterlassen", sagt Reckert. Zudem habe die lange Dürreperiode zu einem Ernteausfall von 40 Prozent geführt. Seit Schließung der Grenzen und dem Abzug der Hilfsorganisationen können weitere Nahrungsmittel derzeit weder ins Land gebracht, noch innerhalb Afghanistans transportiert werden.

"Wir waren gerade dabei, 1 800 Tonnen Saatgut in den Norden des Landes zu bringen. Jetzt leeren sich die Lager. Die Situation wird sich verschärfen." Ähnlich schätzt das "World Food Programme" (WFP) die Situation ein: Nach dessen Angaben droht fünf Millionen der 22 Millionen Afghanen in zwei Wochen der Hunger.

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