Ein Mann der ersten Stunde in der Spielbank Bad Neuenahr

Ein Mann der ersten Stunde in der Spielbank Bad Neuenahr

Erinnerungen eines Croupiers - Eröffnung des Casinos vor genau 60 Jahren

Bad Neuenahr. Eine Glückssträhne, endlich! 9 000 Mark hatte der Dortmunder Straßenbau-Unternehmer am Roulette-Tisch gewonnen. Die Jetons flogen ihm nur so zu, an diesem Abend in der Spielbank in Bad Neuenahr. Die Wangen rot vor Aufregung schaute er zu Croupier Egon Gundermann herüber.

"Nehmen Sie den Gewinn mit und gehen Sie nach Hause", riet ihm der junge Croupier und ging in seine vorgeschriebene einstündige Pause. Der Bau-Unternehmer blieb. Eine Stunde später waren die 9 000 Mark weg. Plus weitere 10 000 Mark. "Kreidebleich stand er am Tisch. Ich habe es ihm gleich angesehen, dass er alles verspielt hat", erinnert sich Egon Gundermann.

Wie gewonnen, so zerronnen. Glück und Pech liegen auf dem grünen Tuch nur einen Fingerbreit auseinander. Und nicht selten geht es um viel Geld. Der Bau-Unternehmer ist da nur eines von vielen Beispielen, die Egon Gundermann erzählen kann. Kein Wunder, denn der Bad Neuenahrer hat nicht nur 38 Jahre für die Spielbank gearbeitet. Er ist ein Mann der ersten Stunde: Er war einer der 140 Angestellten, die bei der Eröffnung des Casinos vor genau 60 Jahren dabei waren.

Auch wenn er schon seit mehr als 20 Jahren nicht mehr am Tisch steht, beim Gespräch mit Egon Gundermann erahnt man schnell, was einen guten Croupier ausmacht: hellwache Augen, klare Gedanken, ein gutes Erinnerungsvermögen. Auch wenn der 82-Jährige bei diesem Gespräch mehr sein Langzeit- als sein Kurzzeitgedächtnis braucht, das sich ein Berufsleben lang im Minutentakt dutzende Einsätze merken musste.

Beim ersten Wurf am 15. Dezember 1948 stand er allerdings nicht am Roulette-Tisch, sondern noch am Empfang. Erst wenige Wochen zuvor war er aus französischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden und suchte nach Arbeit. "Durch einen Dolmetscherkurs konnte ich Französisch. Und die Spielbank brauchte jemanden an der Rezeption, der die vielen ausländischen Gäste in gutem Französisch ansprechen konnte."

Im schwarz eingefärbten Anzug seines Bruders stand er von nun an am Empfang. Er prüfte Ausweise, füllte Tageskarten aus und kontrollierte über einen Spiegel am Boden unauffällig das Schuhwerk der Gäste. Schließlich war die Kleiderordnung noch deutlich strenger als heute.

Doch es dauerte nicht lange, und der Direktor sagte: "Ich habe noch etwas besseres mit dir vor." Egon Gundermann absolvierte den ersten Croupier-Kursus. Und stieg auf, zuerst Kopfcroupier, dann Drehcroupier, schließlich Spielleiter. 1965 sollte er Saalchef werden, aber aus gesundheitlichen Gründen lehnte er ab.

Trotz abertausenden Spielen: Einige Situationen haben sich fest eingebrannt ins Gedächtnis. So wie das Spiel des "Kartoffelkäfers", wie die Croupiers einen Gemüsehändler aus dem Vorgebirge augenzwinkernd nannten. Jeden Tag kam der Händler mit dem Zug nach Bad Neuenahr, stand schon eine Station vorher am Trittbrett.

Kaum angekommen, sprang er in ein Taxi, dessen Motor schon lief. Schnurstracks ging der Mann zu Tisch eins und spielte genau ein Spiel: 2 400 Mark auf rot oder schwarz. Danach ging er wieder. Über Wochen, wenn nicht gar Monate, gewann der Gemüsehändler. Schnell sprach sich die Glückssträhne herum, Menschentrauben bildeten sich um Tisch eins. Kaum hatte der Händler gesetzt, zogen alle nach, wie ein Starenschwarm, der in den Weinberg einfällt.

Doch eines Tages verlor der Mann. "Einen Tag später probierte er es noch einmal, verlor erneut und kam nie wieder", erzählt Egon Gundermann. An seiner Stimme hört man, der Gemüsehändler hat seiner Meinung nach alles richtig gemacht: "Ich glaube jeder Mensch hat die Chance, etwas zu gewinnen. Aber man muss seine Grenzen kennen."

Aber nicht nur Glückspilze, auch Kriminelle hatte der Croupier am Tisch sitzen. Wie einen "Poussette-Betrüger, der unter seinem Notizblock eine Schachtel mit einer speziellen Vorrichtung hatte: Per Knopfdruck konnte er über eine Feder unbemerkt Jetons aufs Feld schießen - und zwar einen Wimpernschlag nachdem die Zahl gefallen waren.

"Das hat einige Zeit gedauert, bis wir ihn erwischt haben", kann sich Egon Gundermann noch gut erinnern. Heute sind solche Betrügereien unmöglich: Kameras filmen den Roulette-Tisch ab, die Croupiers können sofort zurückspulen, falls es zum Streit kommt.

Doch hat es ihn selbst nie an den Roulette-Tisch gezogen? "Ich bin nicht der Spieler-Typ", antwortet der 82-Jährige. Die Leidenschaft für das Zocken liegt ihm ebenso fern, wie der typische Aberglaube, der das Glück mit einer bestimmten Zahl, Krawatte oder sonst etwas verbindet. "Glück ist nicht berechenbar", weiß der Croupier.

Und doch, einige Male im Urlaub hat auch er zu den Jetons gegriffen. Etwa bei einem Kuraufenthalt in Sylt. "Ich habe da jeden Abend mein kleines Spielchen gemacht, nie besonders lang und nie besonders viel. Und ich habe immer Glück gehabt. Am nächsten Tag konnte ich von dem Geld dann Essen gehen oder mir etwas schönes kaufen."

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