GA-Serie "Rheinische Redensarten": Die Jeeß woll ne lange Stätz hann

GA-Serie "Rheinische Redensarten" : Die Jeeß woll ne lange Stätz hann

In der Serie „Rheinische Redensarten“ beleuchten wir mit Unterstützung von Dialektsachverständigen bedeutungstiefe Redewendungen.

Viele Rheinische Redensarten verfolgen einen erzieherischen Ansatz. Deshalb sind es gerade die Kinder, die mit solcher artigen Ansprachen bedacht werden. Und weil man als Kind noch besonders aufnahmefähig ist und engagierte Hinweise von Erwachsenen oft bleibende Gefühle erzeugen, können sich die Menschen auch noch ein Leben lang daran erinnern. Denn alles, was mit starken Gefühlen verknüpft ist, bleibt gut im Gedächtnis.

Bei der vorliegenden Redewendung war das offenbar so eindrücklich, dass uns gleich vier Zuschriften unabhängig voneinander erreichten, und das auch noch innerhalb weniger Tage – Zufälle gibt's. Es geht um den Satz: „Die Jeeß woll ne lange Stätz hann.“ Im Hochdeutschen würde man sagen: Die Ziege wollte einen langen Schwanz haben.

Landwirte und Zoologen wissen genau: Die Ziege hat nun mal einen kurzen Schwanz. Da ist nichts zu wollen. Und es sieht ja auch ganz putzig aus, wenn sie ihn schnell hin und her bewegt. Benutzt wird der Satz wie gesagt besonders gerne bei der Kindererziehung. Mundartsprecher Klaus Decker erinnert sich, dass er als kleiner Junge einen amerikanischen Basketball haben wollte, an den nur schwer bis gar nicht heranzukommen war. Auf diesen Wunsch antwortete sein Großvater mit dem Satz von der Jeeß und dem Stätz. „Wo es auch gut passen würde, wäre, falls meine Frau auf die Idee käme, einen riesigen Diamantring einzufordern. Es passt also zu allem, was unerreichbar oder unrealistisch ist“, meint Decker.

Auch Claudia Schiefer erinnert sich: „Meine Mutter hat den Satz immer verwendet, wenn ich etwas haben wollte und gemeckert habe, wenn ich es nicht bekam.“ Ingrid Henkel, deren Großvater in Bonn, Großmutter in Köln und Mutter in Düsseldorf geboren ist, musste die Weisheit oft anhören, wie sie selbst sagt, weil sie „einfach zu viele Rosinen im Kopf hatte“. Vor allem in den Kriegszeiten mussten viele Wünsche unerfüllt bleiben.

Vom Verzicht spricht übrigens auch das gleichnamige Lied, das übersetzt so startet: „Es lag einer Ziege einst schwer auf dem Herzen, dass sie nur ein Stümpchen von Schwanz besaß. Der Schwanz, der wollte nicht wachsen, der klitzekleine Stümpchenschwanz.“ Die letzte Strophe enthält die Moral von der Geschicht': Mensch, gib dich zufrieden, nutz was du hast mit Geschick, denn es gibt viele, die haben auch nicht mehr als du!“

Haben auch Sie einen Lieblingsspruch, dann mailen Sie ihn uns an rheinisch@ga-bonn.de.

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