GA-Serie "Rheinische Redensarten": Dä jlööv, watte lüch

GA-Serie "Rheinische Redensarten" : Dä jlööv, watte lüch

In der Serie „Rheinische Redensarten“ beleuchten wir mit Unterstützung von Dialektsachverständigen bedeutungstiefe Redewendungen. Unsere heutige Redensart hat es in sich. Sie kratzt hart am Wesen des Menschen.

Ja, man könnte sagen, wir haben es hier mit einer anthropologischen Konstante zu tun. „Dä jlööv, watte lüch“, bedeutet im Hochdeutschen wörtlich: „Der glaubt, was er lügt“. Was bedeutet das im übertragenen Sinne? „Es gibt Menschen, die wunderbar erzählen können, sich dabei auch etwas hinzudenken und anschließend noch selbst daran glauben“, berichtet Mundartsprecher Hans Nolden. Und Rheinländerin Melitta Klein ergänzt: „Die belügen sich selbst und glauben es anschließend selbst. Eigenartigerweise setzt sich das bei diesen Menschen fest, und sie wissen nachher nicht mehr, was die Wahrheit ist.“

Das klingt ziemlich kompliziert, ist aber einfach. Kriminalpsychologen haben für Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen festgestellt, dass die Erinnerung grundsätzlich fraglich ist. Jeder Mensch interpretiert im Nachhinein so viel Sinn in offenbar unzusammenhängende Erlebnisse, dass die Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit oftmals verschwindet. Kein Wunder also, wenn Menschen zuweilen glauben, was sie lügen.

Eine Steigerung dieses Satzes ist die Wendung: „Dä lüch, watte bett.“ Das bedeutet: Der lügt, was er betet. Und das ist sicher die Höhe der Perfidität. „Wenn jemand lügt, was er betet, dann belügt er sogar den Herrgott“, sagt Mundartsprecher Hans Nolden. Und das zeugt schon von erheblich überzogenem Selbstbewusstsein. Unterm Strich bleibt die Erkenntnis, dass nach langen, wiederholten Ausführungen, das Gesagte im Nachhinein zur persönlichen Wahrheit werden kann, auch wenn es so nie geschehen ist.

Prominente Beispiele sind da etwa der Fußballtrainer, der sich nicht erklären konnte, wie Spuren von Kokain in seine Haarspitzen gelangten. Oder – schon fast 30 Jahre her – der Ministerpräsident, der sein Ehrenwort gab, dass die gegen ihn erhobenen Vorwürfe haltlos seien. Wie sich später herausstellte, griff in beiden Fällen eine sehr eigene Auslegung der Wahrheit.

Die Artikel zum rheinischen Dialekt entstehen in Zusammenarbeit mit dem Heimatfilmer Georg Divossen. Haben auch Sie einen Lieblingsspruch? Dann mailen Sie ihn uns an rheinisch@ga-bonn.de.

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