GA-Serie "Rheinische Redensarten": Bei demm Wedder kritt mer jo et ärme Dier

GA-Serie "Rheinische Redensarten" : Bei demm Wedder kritt mer jo et ärme Dier

In der Serie „Rheinische Redensarten“ beleuchten wir bedeutungstiefe Redewendungen. Diesmal: "Bei demm Wedder kritt mer jo et ärme Dier".

Schon der griechische Philosoph Aristoteles proklamierte für alles Gute die „goldene Mitte“. Er argumentierte streng logisch und mit Blick auf den Alltag. Extreme waren ihm zuwider. In der Politik, in der Psychologie und – wahrscheinlich – auch beim Wetter. Hätte der Mann in unseren Tagen gelebt, dann kämpfte er gegen den Klimawandel an. Vermutlich! Denn der beschert uns gerade die Extreme. Ein Dreiviertel Jahr Sonne bis vier Meter in die Erde und jetzt Regen, Regen, Regen, Hagel, Schnee, Niesel, Graupel und wieder Regen. Dunkelheit und Kälte.

Und da kommt eine Redensart ins Spiel, die uns eine Leserin zugeschickt hat. Sie erinnert sich an diesen Satz ihrer Mutter, die sagte: „Bei demm Wedder kritt mer jo et ärme Dier“. Es ist nicht unkompliziert, den Satz ins Hochdeutsche zu transferieren: Bei dem Wetter, bekommt man ja Depressionen. Dabei übersetzt Adam Wrede in seinem neuen kölnischen Sprachschatz „et ärme Dier hann“ mit schwermütig, melancholisch, mutlos sein. Das ist ja ein Phänomen, das vornehmlich während der dunklen Jahreszeit auftritt.

Der Winterblues ist aus symptomatischer Sicht der Depression sehr ähnlich. Der Psychologe diagnostiziert dann Niedergeschlagenheit, Interessensverlust und Antriebsschwäche. Man kann sich zu nichts aufraffen, und depressive Gedanken überschatten den Tag. Solange man nur ein bisschen zunimmt und gesteigertes Schlaf- und Essbedürfnis hat, ist noch alles im Rahmen des Normalen. Was will man auch machen, wenn das Wetter so usselich ist, dass die Kälte und die Feuchtigkeit den Körper zu durchdringen scheinen.

Natürlich sinkt die Stimmung, wenn die Dunkelheit den Tag beherrscht. Die Sprachwissenschaft muss an dieser Stelle übrigens passen. Das „ärme Dier“ ist zwar im ganzen Rheinland bekannt, aber nur dort. Der Biologe würde sagen: Es ist endemisch. Worauf sich das Wort bezieht, oder wo es herkommt, liegt bisher im Dunkeln. So sehr im Dunkeln, dass zarte wissensdurstige Seelen darüber so traurig werden könnten, dass sie das „ärme Dier“ bekommen.

Haben auch Sie einen rheinischen Lieblingsspruch, dann mailen Sie ihn uns unter rheinisch@ga-bonn.de. Die „Rheinischen Redensarten“ aus der wöchentlichen Kolumnenserie des General-Anzeigers sind als Buch erschienen und im Handel zu haben. Das gedruckte Werk hat die Edition Lempertz verlegt, ISBN: 978-3-96058-211-3, es kostet 9,99 Euro.

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