Alles drehte sich nur ums Überleben

Alles drehte sich nur ums Überleben

Heinz Kleebach erinnert sich

Remagen. Heinz Kleebach verbrachte sein berufliches Leben bei der Eisenbahn. Er ist gebürtiger Remagener, Jahrgang 1933. Er erinnert sich noch gut an den März 1945: "Nachts, wenn es ruhiger auf den Straßen war, hörten wir den Geschützdonner immer näher kommen. Straßen und Wege füllten sich mit zurückflutenden Soldaten und Zivilisten. Militärfahrzeuge wurden immer weniger, dafür gab es aber immer mehr Pferdefuhrwerke und Menschen mit Handwagen und viel Gepäck.

Am 7. brach Hektik aus. Alle wollten noch über die Brücke. Granaten, von der anderen Rheinseite abgeschossen, pfiffen durch die Luft. Wir von der Bergstraße rannten in den Luftschutzkeller in der Apollinariskirche. Dann kam der Abt des Klosters mit einigen Amerikanern in den Keller. Im Hintergrund des Kellers öffneten sie eine Tür. Einige deutsche Soldaten kamen unbewaffnet und mit erhobenen Händen heraus. Sie wurden abgeführt. Die GIs verteilten an die Omas und Opas der Kellerbesatzung Zigaretten. Wir Kinder sahen nach langer Zeit zum ersten Mal wieder Schokolade.

Wir durften gehen und machten uns in der Stadt auf, in der Schule nach unseren dort gelagerten Sachen zu sehen. In der Schule waren Farbige einquartiert, die verjagten uns. Überall wurde geschossen. Wir liefen von Keller zu Keller, Unter dem Kolonialladen Clemens an der Schranke warteten wir, bis die wilde Schießerei vorbei war. Am Sankt Anna Kloster hatten wir viele deutsche Kriegsgefangene gesehen. Sprechen durften wir nicht mit ihnen. Wir waren gerade zu Hause, da griffen Stukas die Brücke an. Einen Tag lang wurde unaufhörlich geschossen. Am nächsten Tag kam der Aufruf, dass sich die Bevölkerung am Parteiheim einzufinden hat. Eine Menschenansammlung wurde von den Amis auf Lastwagen verfrachtet. Über die Grafschaft ging es nach Ahrweiler. Vor der Sankt-Laurentius-Kirche wurden wir abgeladen. Die Wagen verschwanden. Kaum waren sie weg, fielen Polen und Russen über uns her, um uns zu bestehlen. Die alten Männer unserer Gruppe prügelten sich mit ihnen. Sekunden später erschienen Amerikaner und nahmen die ehemaligen Kriegsgefangenen in Gewahrsam.

Wir wurden nach Bad Neuenahr verfrachtet, ins Hotel Kessler. Dort blieben wir bis Ostern. Das Leben war ein einziger Überlebenskampf, hamstern wurde groß geschrieben."

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