Bürgerinitiative "Liebenswerte Stadt": Aktivisten wollen „Blick für das Schöne schärfen“

Bürgerinitiative "Liebenswerte Stadt" : Aktivisten wollen „Blick für das Schöne schärfen“

Die Historikerin Wilma Albrecht sieht im alten Pavillon am Bahnhof von Bad Neuenahr eine Visitenkarte der Stadt.

Nierentisch und Tütenlampe blieben außen vor. Aber dass die Bürgerinitiative „Lebenswerte Stadt“ ihre jüngste „Sehschule“ den „eleganten Fünfzigern“ widmete, hatte seinen Grund. Schließlich ist in eben diesem Jahrzehnt der Pavillon am Bad Neuenahrer Bahnhof gebaut, dessen Zukunft im Zuge der geplanten Bahnhofsumgestaltung (der GA berichtete) derzeit unklar ist und für Diskussionen sorgt.

Das Gebäude, das einst vom Kur- und Verkehrsverein genutzt wurde, sei nur noch eines von dreien dieser Art in Rheinland-Pfalz, sagte Referentin Wilma Albrecht beim Ortstermin. Die Neu-Neuenahrerin und Historikerin, die sich nach eigenen Angaben viel mit Raumplanung beschäftigt hat, erklärte, dass außer in Bad Neuenahr solche Pavillons landesweit nur noch in Ludwigshafen und Koblenz existierten.

Diese Bahnhofspavillons seien „kleine Visitkarten der Stadt“ gewesen. Sie hätten die Besucher als erste Anlaufstelle begrüßt. In ihnen hätte sich die mit dem Zug angereisten Touristen etwa mit Stadtplänen versorgt oder über Sehenswürdigkeiten informiert.

Als Sehenswürdigkeit stellte die Referentin auch den Bahnhofspavillon selbst dar. „Moderner konnte ein Gebäude zum Ende der 1950er Jahre kaum sein. Flachdach, große Fenster, eine elegante Rundung in der Fassade, viel Licht im Innenraum und auch genügend Platz“, zitierte sie eine Beschreibung von Matthias Röcke aus dem Heimatjahrbuch des Kreises Ahrweiler.

Von außen blickte sie mit ihren etwa einem Dutzend Zuhörern ins Innere des verwaisten Pavillons und deutete auf weitere bautypische Merkmale für die 50-er Jahre: viel Glas, schlanke Säulen, den Fußboden aus Solnhofner Plattenkalkstein und einen dezent eleganten Treppenabgang.

In dieser Epoche hätten sich auch die Architektur von der Starre des Dritten Reichs absetzen wollen und freie Formen entwickelt wie die halbe Ellipse, die sich auch im Dach des Bahnhofspavillons widerspiegele.

Für die Bürgerinitiative drückte Markus Hartmann Unverständnis aus, warum der Pavillon 2014 aus der Denkmalliste der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (GDKE) gestrichen worden sei. Erst sei er als schutzwürdig und erhaltenswert eingestuft gewesen und dann plötzlich nicht mehr – und das, ohne dass dies der Öffentlichkeit bekannt wurde.

Aufgefallen sei es, als ein Investor ein Café in dem ehemaligen Verkehrspavillon einrichten wollte, sagte Hartmann. Er wisse aber auch, dass manchen Bürgern der Bau mit den Toilettenanlagen im Anbau nicht gefalle: „Es geht uns nicht darum, Objekte wie den Pavillon um jeden Preis zu retten, sondern um die Bewusstmachung, wie wir mit historischer Bausubstanz umgehen.“

Zum Sachstand Pavillon erklärte Stadtsprecher Karl Walkenbach auf Anfrage des GA: „Der Pavillon wird im aktuellen Verzeichnis der Kulturdenkmäler der GDKE nicht aufgeführt. Somit ist es Fakt, dass dieses Gebäude am Bahnhof nicht unter Denkmalschutz steht. Wir halten uns an die Maßgaben der Denkmalfachbehörde und akzeptieren diese. Die Meinung der Bürgerinitiative wird von fachlicher Seite nicht mitgetragen.“

Die Bürgerinitiative setzt indes auf ihre „Sehschule“ als kritischer Stadtrundgang. Manche Bauten gäben schließlich durch ihre Art und etwa die verwendeten Materialien einer Region ein Aussehen, das sie von anderen unterscheide: „Wer schaut sich im Urlaub schon Neubaugebiete an? Wir möchten den Blick schärfen für das Schöne in dieser Stadt“, sagte der Initiator der Bürgerinitiative, die 2014 gegründet wurde und „knapp 100 Interessenten“ umfasse.

In Bad Neuenahr fänden sich nur noch relativ wenige 50-er Jahre-Bauten, sagte Wilma Albrecht. Darunter die geschwungenen Tankstellendächer an der Ringener Straße, einige Häuser in der Telegrafenstraße und der Anbau der Lutherkirche.

Gerade deshalb plädierte sie für einen Erhalt des Pavillons am Bahnhofsvorplatz, schloss ihren Vortrag aber mit den Worten: „Erhalten oder abreißen? Die Frage müssen die Stadt und die Bürger entscheiden.“ Die Teilnehmer der „Sehschule“ plädierten für Ersteres.

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