Zweiter Weltkrieg in Ahrweiler: Silberbergtunnel bietet Zuflucht

Vor 75 Jahren in Ahrweiler : Bevölkerung sucht Zuflucht in der „Stadt im Berg“

An Tagen mit klarem Himmel suchte während der letzten Monate des Zweiten Weltkriegs nahezu die gesamte Bevölkerung von Ahrweiler Schutz im Silberbergtunnel. Zu den Bewohnern des Tunnels gehörte 1945 auch Frieda Nadig.

85 Zivilisten, darunter 35 Frauen und 18 Kinder unter 14 Jahren sowie mehrere Soldaten wurden am Mittag des 29. Januar 1945 bei einem Bombenangriff auf Ahrweiler getötet. 38 US-Bomber warfen rund um das Ahrtor und den Bitzenturm insgesamt 210 Sprengbomben ab. Die Flieger gehörten zur in der Nähe von Paris stationierten 409. Bombardement Group. Das Angriffsziel lautete „Nachschub- und Straßenknotenpunkt Ahrweiler“. So steht es im Einsatzbericht der Fliegertruppe. An dem Tag vor 75 Jahren, der als „schwärzester Tag“ in die Ahrweiler Geschichte einging, wurden zudem 115 Häuser mit 250 Wohnungen zerstört.

Der Toten des Angriffs gedachten am Mittwochabend an der Gedenkstätte auf dem Ahrweiler Ahrtorfriedhof die Mitglieder der Ahrhutgemeinschaft um Hutenmeister Jochen Ulrich. Eine Tradition aus traurigem Anlass, die seit Jahrzehnten gepflegt wird, denn die meisten der Opfer kamen aus der Ahrhut.

Zurück zum 29. Januar 1945. An diesem Tag hielten sich viele Menschen in der Stadt auf, weil es diesig war und daher niemand mit einem Angriff gerechnet hatte. An Tagen mit klarem Himmel suchte während der letzten Monate des Krieges sonst nahezu die gesamte Bevölkerung der Stadt Schutz im Silberbergtunnel. Bis zu 2500 Menschen lebten dort oberhalb von Ahrweiler in Bretterverschlägen in der „Stadt im Berg“.

Ihre dortigen Erlebnisse hat Mathilde Husten-Causemann bereits 1953 in ihrem gleichnamigen Roman verarbeitet. Zeitzeuge ist aber auch der damals achtjährige Heinz Koll aus Ahrweiler. Er hauste mit seiner Mutter Maria in einem der 305 Verschläge in dem rund 1000 Meter langen Tunnel. Die Verschläge waren nummeriert, denn es gab auch ein Postamt im Tunnel. Und schließlich musste auch der Tunnelarzt wissen, wo er hin musste.

Denn im Tunnel wurde auch geboren und gestorben. Die Liste der Bewohner samt „Hausnummern“ ist komplett erhalten. „Es war dunkel. Alles war kalt, klamm und feucht“, erinnert sich der heute 83-jährige Heinz Koll. „Gekocht wurde auf dem Vorplatz des Tunnels auf vielen Öfen“, sagt der Malermeister, der die Zeit in der „Stadt im Berg“ , als „alle von Ungeziefer geplagt wurden“, nie vergessen hat. Aber auch die gegenseitige Hilfsbereitschaft ist ihm im Gedächtnis geblieben: „Es war eine Solidargemeinschaft, die sich so weit wie möglich unterstützt hat“, sagt Koll.

Leben im Tunnel

Er erinnert sich aber auch daran, was er beim ersten Abstieg in die Stadt nach dem Bombenangriff gesehen hat: „Schützbahn und Ahrtor waren völlig zerstört. Fünf Tote gab es allein bei uns in der Nachbarschaft.“ Und den Geruch nach verkohlten Trümmern hat er dabei wieder in der Nase.

Die, die an diesem Tag im Tunnel geblieben waren, haben überlebt. Darunter eine Frau, die später Geschichte schreiben sollte. SPD-Politikerin Frieda Nadig hatte im Ahrweiler Gesundheitsamt als Fürsorgerin Zuflucht vor den Nazis gefunden und lebte in dem für 26 Personen ausgelegten Verschlag mit der Nummer 71. Später gehörte Nadig zu den insgesamt vier Frauen, die ab 1948 im Parlamentarischen Rat am Grundgesetz der Bundesrepublik mitgearbeitet haben. Einer ihrer Mitbewohner in Verschlag 71 war der spätere CDU-Landtagsabgeordnete Georg Habighorst.

Die „Stadt im Berg“ wurde 1947 von den Franzosen gesprengt. Der Heimatverein Alt-Ahrweiler hat 2004 am noch erhaltenen Tunneleingang einige Hütten nachgebaut. Diese geben hinter einem Gitter bei Tageslicht einen Eindruck davon, wie es im Dunkel des Tunnels einst ausgesehen haben muss. Sie basieren auf einer Kohlezeichnung des Ahrweiler Künstlers und Bildhauers Hanns Matschulla, der seinerzeit eine Szene im Tunnel festgehalten hat. Fotos gibt es nicht.