Vor 30 Jahren kamen 763 ehemaligen DDR-Bürgern im Ahrtal an

Ahrweiler als Synonym für Freiheit : Vor 30 Jahren fuhr der erste Zug mit 763 ehemaligen DDR-Bürgern im Ahrtal ein

763 Menschen kamen vor 30 Jahren direkt mit dem Zug aus der Prager Botschaft ins Ahrtal. Für viele wurde dadurch Ahrweiler zum Synonym für Freiheit. Ein Rückblick.

"Das Schlimmste hatten wir überstanden, sobald wir im Zug saßen." Das Schlimmste - das war die Nacht vor der Abreise aus Prag. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt kauerten sich im September 1989 Tausende von geflüchteten DDR-Bürgern im Garten der Bonner Botschaft in Prag zusammen, nur mangelhaft ausgerüstet mit Decken oder warmen Jacken. Nur die kleineren Kinder und ihre Mütter wurden schließlich in das Gebäude gelassen.

"Noch so eine Nacht, und manches Kind hätte nicht überlebt. Das Einzige, was uns wärmte, war schließlich die Hoffnung auf eine baldige Ausreise", erinnert sich eine Frau, die damals mit ihrem Freund geflüchtet war.

Dann kam die Erlösung in Gestalt von Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher: Er verkündete die Ausreise, seine Worte gingen im Jubel der Menschen unter.Kurz nach 18 Uhr fuhr am Mittwoch, 27. September 1989, der erste Zug aus dem Prager Bahnhof in Richtung Freiheit.

Der Zielort, der für Freiheit stand, war Ahrweiler. Doch der Weg war lang. Und die Schikanen ihres ehemaligen Heimatlandes DDR bekamen die Ausreisenden noch einmal mit aller Härte zu spüren, als sie mit dem Flüchtlingszug DDR-Gebiet passierten: "Plötzlich wurden die Heizungen abgestellt, und es war fast so kalt wie in der Nacht in Prag."

Warm wurde es erst wieder hinter der Grenze, nicht nur wegen steigender Temperaturen, sondern auch des Gefühls wegen, das den Flüchtlingen an ihrer ersten bundesdeutschen Station entgegengebracht wurde. Gegen 5.30 Uhr erreichte der erste Übersiedlerzug das bayerische Hof, empfangen von Hunderten von Menschen, die winkend am Bahnhof standen, gleichzeitig lachend und weinend. Schon während der Zugfahrt wurden die einstigen DDR-Bürger versorgt - von zwölf DRK-Leuten aus Kulmbach, die seit der Abfahrt in Prag dabei waren.

Nur wenige Problemfälle mussten behandelt werden, bei den meisten ging es um die Linderung von Erkältungserscheinungen.In Hof stiegen fünf Mitarbeiter der Katastrophenschutzschule des Bundes in Ahrweiler (heute Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz) zu und begleiteten die Menschen bis zum vorläufigen Zielpunkt ihrer Flucht.

Bereits im Zug konnten so die Namen der neuen westdeutschen Bürger registriert und die Zimmer zugeteilt werden, damit nach der Ankunft keine weiteren, entnervenden Verzögerungen mehr eintreten konnten. Die Zugfahrt, besonders dem Ende zu durch das Rheintal, stellte für die DDR-Flüchtlinge ein besonderes Erlebnis dar.

Freude und Erleichterungam Ahrweiler Bahnhof

Nicht nur das stetig wachsende Gefühl der Freiheit und die Gewissheit, es geschafft zu haben, sondern auch die sichtbare und spürbare Herzlichkeit der Menschen, die von Balkonen und Bahnschranken aus winkten und hupten, tat den 763 Menschen gut und half ihnen, den Verlust von Heimat und persönlichem Besitz zu überwinden und die Ankunft in der Fremde zu meistern.Glück im Unglück hatten sieben junge Männer, die schon vor ihrer Flucht miteinander befreundet waren. Ohne vorherige Absprache trafen sie sich zufällig in Prag und legten den restlichen Teil der Flucht gemeinsam zurück.

Besonders den letzten Teil der insgesamt 14-stündigen Bahnfahrt, der durch das Ahrtal bis nach Ahrweiler führte, erlebten die Reisenden bewusst und wach mit.Manche von ihnen hatten seit mehr als 50 Stunden nicht mehr geschlafen und nur wenig gegessen. Erschöpfung zeichnete ihre Gesichter, aber auch Freude, Erleichterung und Rührung angesichts der Freundlichkeit, die ihnen in Ahrweiler entgegenschlug. Denn dort, am Bahnhof, gab es am 28. September vor 30 Jahren im Wortsinne einen großen Bahnhof.

Bundespräsident Richard von Weizsäcker mit DDR-Übersiedlern in der damaligen Katastrophenschutzschule des Bundes in Ahrweiler. Foto: GA

"Freiheit, Freiheit, Freiheit", skandierte der ganze Zug aus den Fenstern heraus. Hunderte Einheimischer begrüßten mit Ministerpräsident Carl-Ludwig Wagner die Übersiedler mit stürmischem Beifall, bevor diese in ihr Übergangsquartier, die Katastrophenschutzschule, gebracht wurden.

Personalausweis und 100 Mark Begrüßungsgeld

Eine besondere Begrüßung erlebten jedoch nur die Übersiedler aus dem ersten Zug aus Prag. Über ihre neue Freiheit freute sich Bundespräsident Richard von Weizsäcker mit ihnen beim Besuch in der Katastrophenschutzschule des Bundes. Dort ruhte im Anschluss der Lehrbetrieb übrigens fast zwei Jahre lang. Denn auf die DDR-Übersiedler folgten Tausende von deutschstämmigen Aussiedlern aus der damaligen Sowjetunion. Auch für sie wurde die Rotweinstadt an der Ahr zum Synonym für Freiheit.