Interview mit Gerke Minrath: Remagenerin setzt sich gegen Gewalt an Polizisten ein

Interview mit Gerke Minrath : Remagenerin setzt sich gegen Gewalt an Polizisten ein

Gerke Minrath startet eine 700 Kilometer lange Radtour und besucht Polizeiwachen, um den Beamten Danke zu sagen. Vor sieben Jahren gründete die 48-Jährige aus Remagen mit einigen Mitstreitern den Verein „Keine Gewalt gegen Polizisten“.

Rund 75 000 Übergriffe gegen Polizeibeamte hat es alleine im vergangenen Jahr gegeben, das sind mehr als 200 pro Tag. Minrath will sich mit der zunehmenden Gewalt gegen Polizeibeamte nicht abfinden. Vielmehr will sie sich für deren aufopferungsvollen und immer schwierigeren Dienst bedanken. Am Montag startet sie nun eine 700 Kilometer lange Radtour und besucht Polizeiwachen – um Danke zu sagen.

Weshalb die Danke-Tour?

Gerke Minrath: Die Idee ist, dass ich Bürger dafür gewinnen möchte, einfach mal in ihre örtliche Polizeidienststelle zu gehen und sich dort für den Einsatz der Beamten zu bedanken. Der Danke-Polizei-Tag ist so ein bisschen ist wie Muttertag – im Grunde kann man seiner Mutter jeden Tag Danke sagen, aber es ist schön, wenn man wenigstens einmal im Jahr dran denkt.

Minrath: Mir schwebt so eine Radtour am Rhein entlang schon lange vor. Ich schiebe das seit fast 30 Jahren vor mir her. Deswegen habe ich mir überlegt, ob ich das irgendwie mit unserer Vereinsarbeit kombinieren kann, damit ich es auch wirklich mache. So kam ich auf die Idee, eine Danke-Tour zu machen. Jetzt ist es mir wichtig genug, auch wirklich loszufahren.

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Minrath: Generell ist die Lobkultur in Deutschland nicht so ausgeprägt, man könnte auch sagen: Sie ist miserabel. Entsprechend war viel Kritik an der Polizei zu vernehmen, selten aber ein nettes Wort. Ich finde, unsere demokratisch legitimierte und rechtstaatlich verfasste Polizei macht eine tolle Arbeit. Es kann und sollte auch positive Kritik geben, da die gute Arbeit bei Weitem überwiegt. Darüber wird aber nur selten gesprochen, was ich nicht fair finde. Also dachte ich, ich fange mal damit an.

Minrath: Kurz nachdem wir Verein wurden, machte mich ein Mitglied auf den Say-thank-you-to-a-police-officer-day aufmerksam. Im angelsächischen Raum wird dieser Tag am 3. Samstag im September begangen. Zuerst haben wir uns auch unter diesem Namen drangehängt. In der einen oder anderen Dienststelle wurden wir schon ein bisschen komisch angeguckt. Ich glaube, die Damen und Herren konnten das überhaupt nicht einordnen. Also entschieden wir Anfang 2014, das Ganze einzudeutschen und begehen seitdem den Danke-Polizei-Tag.

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Minrath: Nach unseren Erkenntnissen gab es im Jahr 2017 insgesamt 74 403 gewalttätige Übergriffe gegen Polizeibeamte. Das sind im Schnitt 204 Übergriffe am Tag. Für 2011 wurden noch 54 834 gewalttätige Übergriffe registriert, also im Schnitt 150 am Tag. Man kann da durchaus von einem negativen Trend sprechen. Da sind übrigens keine Beleidigungen enthalten.

Minrath: Insgesamt ist ja ein Trend zu beobachten, dass sachliche Auseinandersetzung immer weniger stattfindet und stattdessen unter Verzicht auf Sachargumente direkt verbal unter die Gürtellinie gegriffen wird. Dass man Meinungsverschiedenheiten auch austragen kann, ohne sich direkt zu bepöbeln, scheint vielen Menschen nicht mehr zugänglich zu sein. Vom Pöbeln zum Prügeln ist der Weg nicht mehr weit. Dazu kommt, dass viele Menschen glauben, mit dem Argument der Meinungsfreiheit auch gesellschaftliche oder gesetzliche Regeln wegbügeln zu können. Polizisten handeln aber auf der Basis geltenden Rechts und nicht auf der Basis dessen, was ihr Gegenüber gerade für sich persönlich gerne als Recht hätte. Entsprechend kommt es da zu Frustrationen, die sich über Gewalt entladen.

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Minrath: Davon gehe ich aus. Natürlich war es schon immer so, dass Menschen, die aufgrund von Rechtsbrüchen festgenommen wurden, sich teilweise schlagkräftig dagegen gewehrt haben oder Schlimmeres. Neu ist aus meiner Sicht, dass auch ganz normale Leute in gefestigten bürgerlichen Existenzen sich abfällig über unsere Polizisten äußern und auch austicken, wenn ihnen eine Grenze gesetzt wird. Ein neuer Trend ist: Sobald persönliche Interessen berührt werden, hört die Freundschaft ganz schnell auf. Platt gesagt: Es ist total okay, wenn andere in der Zone 30, in der man selbst wohnt, geblitzt werden. Wird man selbst aber in einer fremden Zone 30 geblitzt, wird das ganz schnell „staatliche Wegelagerei“ und „Abzocke“. Selbstreflexion ist da leider Fehlanzeige.

Minrath: Eindeutig. Auch in den Sozialen Netzwerken muss ich sagen, dass eine sachliche Auseinandersetzung immer weniger stattfindet. Man kann eigentlich kein Thema mehr sachlich diskutieren, ohne direkt bepöbelt zu werden.

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Minrath: Nein, ich bin auch nicht verwandt oder verschwägert mit Polizeibeamten. Bis zur Gründung des Vereins war ich nicht mal befreundet mit Polizisten. Schlicht, weil es sich nie ergeben hat. Mittlerweile darf ich gelegentlich die Polizei in Einsätze begleiten. Ich muss sagen, dass ich immer wieder beeindruckt bin von der Qualität der Arbeit, die ich zu sehen bekomme, und der endlosen Geduld der Beamten. Leider bin ich auch immer wieder negativ beeindruckt vom teilweise unfassbaren Tonfall, in dem ihnen manche Zeitgenossen begegnen. Diese Leute werde ich nicht ändern können, aber ich kann wenigstens versuchen, die vielen Leute, die das anders sehen, zu positiven Rückmeldungen an die Polizei zu animieren.

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