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Kriegsende vor 75 Jahren in Remagen: Notizen zeigen das Leben in Kriegsgefangenschaft

Kriegsende vor 75 Jahren in Remagen : Notizen zeigen das Leben in Kriegsgefangenschaft

Remagen am Ende des Zweiten Weltkriegs: Aus persönlichen Dokumenten eines Kriegsgefangenen im Rheinwiesenlager geht hervor, welchen Verhältnissen die Soldaten damals ausgesetzt waren.

Lokalgeschichtlich interessiert, sammelt Ernst Steinmetzler schon lange Postkarten von Sinzig und Umgebung. Für besonders wertvoll erachtet er aber auf dem Flohmarkt entdeckte persönliche Dokumente aus dem Kriegsgefangenenlager Goldene Meile Sinzig Remagen. Es handelt sich um Original-Skizzen und -Aufzeichnungen über die Situation im Lager des damaligen Gefangenen Erich Hillmann aus Leipzig und vier seiner Kameraden.

Am 8. Mai 1945 waren in Remagen 134 029 und in Sinzig 118 563 Internierte. Vor 75 Jahren beschrieb der Sachse, was seinen Aufenthalt und den zigtausender anderer Soldaten in den Rheinwiesenlagern prägte. Am 10. Juni zeichnet er die Ausdehnung des riesigen in Camps aufgeteilten Lagers mit beiden Rheinufern rheinaufwärts.

Am Tag darauf zeichnet er aus seinem Camp 12 einen „Rundblick vom Gefangenenlager aus von Nordwest – Ost und West“. Ebenso entsteht ein extrem weitwinkliges Panorama von der linken Rheinseite, Richtung flussaufwärts. Da Hillmann nur kleine Papierstücke hat, setzt er sie in der Breite zusammen. Auf einem Einzelblatt vom 1. Juni sieht man das „Lagerleben in Camp 12“: Ein Mann steht in Brusthöhe in der Erde und schaufelt. Er hat als einziger ein Gesicht, während andere Figuren anonym umrissen sind, manche gleichfalls mit Schaufel. Ein paar Dosen machen den ganzen „Hausrat“ der dahin vegetierenden Gefangenen aus. Ein weiteres Bild zeigt die Wohnhöhle von innen, von Hillmann mit „Unser Bunker“ betitelt.

Am 10. April 1945 wurde er nach Grimma zur Fahrer-Ausbildungs-Abteilung 4 abkommandiert, nach der Räumung der Kaserne flüchtete er und irrte eine Woche lang in der Gegend von Zaschwitz umher. Weiter notiert er: „Am 26. April im Lazarett (Hubertusburg) entlassen. Zurück über die Mulde bei Grimma. Im Raume Nerchau, am 27. April von den Amis gefangen genommen. Alle Wertsachen abgenommen, mit Lkw, je Wagen 100 Mann Gefangene. An einem Tage nach Sinzig gebracht (6. Mai). Dort bis 24. Juni auf freien Feld am Rhein, mit Krankheiten, fast ohne Nahrung, bald sein Leben ausgehaucht.“

Als Durchgangslager von den Amerikanern errichtet, hatten die Rheinwiesen weder Behausungen noch sanitäre Einrichtungen. Die Gefangenen litten unter miserabler Verpflegung und katastrophalen Hygieneverhältnissen. Einige campieren unter Zeltplanen, alle übrigen sind der Witterung in Erdlöchern ausgesetzt.

Durch den Schlamm watend holt Hillmann Verpflegung am Lagereingang, die anschließend die deutschen Offiziere aufteilen. Erbittert schreibt er: „Diese Saubande, die richtige Benennung dafür, suchten sich das Beste heraus. Wir wurden in 100er und 10er Mannschaften eingeteilt, so war am Ende nur für einen Mann eine Handvoll Hartgemüse, einige Rosinen, Kekse übrig.“

Täglich sehen die Landser, wie über die Lagerstraße Tote abtransportiert werden. Die erste Zeit gibt es kein Wasser: „Zu trinken, daran war nicht zu denken, nur das Maul auf und die Regentropfen genügten uns. Einige saugten aus Pfützen einige Schlucke (das war der Anfang der Ruhr). So ging es Tage weiter bis Verpflegung in Blechbüchsen geliefert wurde.

Blick in die Mitte des Lagers, Rhein aufwärts, gezeichnet am 1. Juni 1945 von Erich Hillmann. Foto: Hildegard Ginzler

So konnten wir mit den kleineren Büchsen uns einige zehn Zentimeter in den Boden einkratzen, um gegen den kalten Nachtwind zu schützen.“ Nach Tagen wird in jedem Camp eine einzige Wasserstelle eingerichtet. Heraus kommt gechlortes Rheinwasser. Ein Kessel davon versorgt das gesamte Lager. Pro 10er Mannschaft reihte sich ein Mann in der Schlange zum Wasserholen ein. Hillmann: „Ich stand da einmal einen vollen Tag mit einem leeren Zinkblech-Verpflegungs-Gefäß“.

Zur Entkräftung und Mangelernährung kommen Krankheiten. Die Ruhr grassiert. Andere Quellen berichten von 120 deutschen Militärärzten, die Verletzte und Kranke in einem Feldlazarett versorgten. Hillmann spricht von einem einzigen Arzt im Krankenzelt, der die Patienten immer zu fünft abfertigte, nach dem Motto: „Täglich Tabletten einnehmen und nichts essen.“ Sarkastisch wird sein Ton bei der Beschreibung der „Klosetts“, „eine raffiniert eingerichtete Erfindung, einfach mehrere zirka Meter lange, 30 bis 40 Zentimeter breite und zwei Meter tiefe Gräben.“

Physische und psychische Strapazen

Für manche gehen die Strapazen auch psychisch über das Verkraftbare hinaus. Hillmann erlebt, wie einer den Verstand verliert, im Gelände herum rennt, im Schlamm liegen bleibt: „Seitdem konnte er kein Wort reden.“

„Fast als Letzte im Lager wurden die Leipziger aufgerufen. Mit Ami-Lkw. Abfahrt, aber wohin? Zum Glück über die Rhein-Pontonbrücke. In die Heimat.“ So endet der Bericht von Erich Hillmann, der im zivilen Leben eine Werkstatt für Schilder und Dekorationsmalerei in Leipzig betrieb.

Seine Notizen steuern einen erschütternden Beleg für die unwürdigen Verhältnisse bei, unter denen vor 75 Jahren Kriegsgefangene auf den Feldern und Rheinwiesen zwischen Remagen und Niederbreisig eingepfercht waren. Dass diese privaten Aufzeichnungen auf den Flohmarkt erwerbbar waren, lässt eine Nachlassauflösung vermuten.

Eine Recherche des General-Anzeigers bei Trägern des Familiennamens Hillmann in Leipzig blieb ohne Erfolg.