Zeitzeugin berichtet in Remagen von Kriegserlebnissen: „Hass ist ein sehr schlechter Begleiter“

Zeitzeugin berichtet in Remagen von Kriegserlebnissen : „Hass ist ein sehr schlechter Begleiter“

Edith Erbrich wurde 1945 ins KZ Theresienstadt deportiert. In der Remagener Integrierten Gesamtschule berichtete sie als Zeitzeugin von ihren Erlebnissen in der Nazi-Zeit.

Beinahe hätte das perfide System zur Vernichtung unerwünschter Menschen in der Nazi-Zeit auch ihr Ende bedeutet. Edith Erbrich, damals Edith Bär, wurde am 14. Februar 1945 zusammen mit ihrem Vater und ihrer vier Jahre älteren Schwester Hella ins KZ Theresienstadt deportiert. Da war sie sieben Jahre alt. Am 8. Mai, Tag der Kapitulation der Wehrmacht, wurde sie dort von der Roten Armee befreit - gerade noch rechtzeitig. Für den 9. Mai war sie für einen Transport nach Auschwitz ins Gas vorgesehen.

Die Frankfurterin mit einer katholischen Mutter und einem jüdischen Vater - "Mischehe hieß das im Nazijargon" - erzählte den Zehntklässlern der Integrierten Gesamtschule (IGS) Remagen auf Einladung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Ahrweiler ebenso klar wie ruhig von dem schrecklichen Erleben. Sie tut es, um für Menschenrechte und Toleranz zu sensibilisieren. Den Fragen, welche die Jugendlichen danach freimütig stellten, merkte man an: Sie entsprangen echtem Interesse und nicht allein der Höflichkeit.

"Es ist etwas Außerordentliches, dass wir einen Menschen hier haben, der uns persönlich berichtet", sagte Miriam Rothmann, stellvertretende Schulleiterin, mit Dank an den Gast und den DGB. Für die Vereinigung war Regionalvorsitzender Sebastian Hebeisen dabei und Pascal Rowald, Vorsitzender des DGB Ahrweiler. "Wie passt das zusammen, IGS, Zeitzeugin und DGB?", fragte Rowald, um selbst zu antworten: "Wir alle wollen dasselbe. Lassen Sie uns ein Zeichen setzen gegen Hass gegen Andersdenkende und auch andere Religionen".

In diesem Sinne hatte die Klasse 10 d nach ihrem Besuch der Gedenkstätte KZ Buchenwald schon im Januar eine Gedenkveranstaltung organisiert. Nun sprachen stellvertretend Xenia, Gabriel, Sebastian und Klara über ihre Gefühle beim KZ-Besuch. Sie empfanden "Ekel vor den Menschen, die systematisch töten und foltern" und waren "emotional angeschlagen" beim Gang zum Krematorium, durchs Ärztezimmer und angesichts eines Leichen-Fotos.

Bombenangriff 1944 zerstörte Wohnhaus der Familie

Für die kleine Edith bildeten Krieg, Ausgrenzung, Deportation und Lagererfahrung unausweichliche Realität. "Angst und Hunger begleiteten meine Kindheit". So jung sie war, begriff sie, dass der Judenstern, "eigentlich der Davidstern", und unzählige Verbote auf Diskriminierung hinausliefen. Bei einem Bombenangriff 1944 wurde das Wohnhaus der Familie zerstört. In der Ostendstraße sah sie "Menschen laufen wie brennende Fackeln". Zur Deportation von 616 Personen ab der Großmarkthalle, heutige Zentralbank, im Februar 1945 sollte die Familie Kleidung und Proviant einpacken. Die Mutter wollte freiwillig mit, durfte aber nicht. "Das war der schmerzlichste Tag in meinem Leben", so Edith Erbrich.

Auf dem Transport im Viehwaggon warf der Vater zehn Postkarten an die Mutter ein, seine "liebe Susanna", die wie ein Wunder bei ihr ankamen. In Theresienstadt wurde der Vater von den Kindern getrennt, dann Edith von Helga.

„Wenn jemand umfiel, durften wir ihm nicht aufhelfen“

Die Größeren mussten arbeiten, die Kleinen "waren meistens eingesperrt und ständig überwacht", erzählt die Zeitzeugin. Aber auch sie bekamen mit, dass die Karren, die morgens Brot ausfuhren, abends Leichen transportierten. Zur Strafe - für was, weiß sie nicht mehr - schrubbte sie einmal ohne Essen einen ganzen Tag mit einer Zahnbürste den Fußboden. "Wir mussten auch stundenlang bei Eis und Schnee draußen stehen. Wenn jemand umfiel, durften wir ihm nicht aufhelfen."

Die Aufseherinnen saßen in ihrem "Kabäuschen" und machten sich noch lustig. Bis heute ist für Edith Erbrich "nicht nachvollziehbar, wie man tagsüber Menschen schikaniert und am Abend mit seinen Freunden am Tisch feiert". Aber sie hat sich nicht verhärten lassen. Ob sie die Deutschen hasse, fragte einer der Schüler. "Ja, wie denn, ich bin doch selber Deutsche. Hass ist ein sehr schlechter Begleiter."

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