Gebietsreform im Ahrkreis: Szenen einer Ehe mit Liebe und Hass

Gebietsreform im Ahrkreis : Szenen einer Ehe mit Liebe und Hass

Seit 50 Jahren sind Ahrweiler und Bad Neuenahr verheiratet. Goldhochzeit steht an. Ein Blick ins Schmunzelkabinett vom Fahnenstreit bis zur doppelten Bürgermeisterkette.

Es ist das Jubiläum einer Ehe, die eigentlich keiner der beiden Partner wollte. Doch Mainz hatte die Zwangshochzeit beschlossen und dann auch durchgesetzt. Mal verheiratet, rauft man sich zusammen, wenn eine Scheidung auf dem Index steht.

Doch bei allem sich suchen und dann erst viele Jahre später finden gibt es Szenen einer Ehe, über die im Nachgang geschmunzelt werden darf. So beim Fahnenstreit, als Bürgermeister Rudolf Weltken 1985 den Verkauf der alten Ahrweiler Stadtfahne mit dem historischen Wappen verbieten wollte. Begründung: Dazu hätte er laut Gemeindeordnung das Recht, denn das Wappen sei hoheitlich geschützt (Aktenzeichen 1-0220-2 vom 16. April 1985). Der Stadtchef hatte die Rechnung ohne die schon 1969 aktive „Aktion rettet Ahrweiler“ (ARA) gemacht: Er musste einknicken, denn ARA fuhr von Flugblättern über Protestaktionen bis zu Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages (das historische Wappen war nicht geschützt) und spontaner, nächtlicher „kleinkarierter Beflaggung des Rathauses“ ihr ganzes Arsenal auf. Krönung war die öffentliche Aufforderung mit Plakaten: „Ahrweiler wehrt euch. Schließt die Stadttore. Besetzt die Wehrgänge.“ Und ARA hatte Unterstützung aus Bonn.

Es war die Bonner Fahnenfabrik, in der Überstunden gemacht wurden, um den Bedarf an Fahnennachschub für Ahrweiler zu decken. Denn für die verbotene Fahne stand die ganze Altstadt Schlange, um an den Häusern Flagge zu zeigen. Gerade deshalb, weil der Stadtchef jedem mit Anzeige gedroht hatte, der selbige öffentlich zeige. Da standen die Justiziare der Fahnenfabrik „Klageschrift bei Fuß“. Übrigens: Die einst vom Rathaus verbotenen Fahnen mit dem Ahrweiler Wappen schmückten fast das ganze Jahr 2018 über die Stadttore. Damit gratulierte der amtierende Bürgermeister, Guido Orthen, Ahrweiler zum 1125-jährigen Bestehen. Doch es gibt noch ein Stückchen aus dem Schmunzelkabinett: 1995 sollte der Leitspruch „Gott schütze Ahrweiler“ auf Wunsch des neuen Stadtchefs, Edmund Flohe, aus der 1967 von Leo Schmitz-Both der Stadt Ahrweiler gestifteten Bürgermeisterkette verschwinden.

Pustekuchen. Dem Mann aus dem Rathaus, der schon eine Goldschmiedin beauftragt hatte, wurde ein Riegel vorgeschoben: „Hände weg vom Ahrweiler Kulturgut“, wetterte die wiederauferstandene ARA, der der Auftrag an die Goldschmiedin, „die bei der ganzen Sache Bauchschmerzen hatte“, nicht verborgen geblieben war. Weil der Stadtchef aber partout eine neue Kette haben wollte, durfte er sie sich selbst bestellen (bei einem nicht aus Ahrweiler stammenden Goldschmied) und aus seiner Privatschatulle bezahlen. So hatte es ihm der Stadtrat, nachdem die Pläne öffentlich geworden waren, deutlich nahegelegt. – Seitdem gibt's zwei Ketten, und der Chef im Rathaus kann je nach Termin entscheiden, welche er trägt. – Die Zeiten ändern sich eben.

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