Kurviertel in Bad Neuenahr: Fassaden erzählen Geschichten

Kurviertel in Bad Neuenahr : Fassaden erzählen Geschichten

Roter Wein, klares Heilwasser und blaues Blut: In Bad Neuenahr gab es hierfür stets eine passende Kulisse. Die Bürgerinitiative „Lebenswerte Stadt“, die sich für einen sensiblen Umgang mit alter Bausubstanz in der Kur- und Badestadt einsetzt, hatte einmal mehr in die Vergangenheit entführt.

In einem Vortrag widmete man sich dem Neobarock, der insbesondere das Kurviertel der Stadt prägt. Die Bonner Kunsthistorikerin Daniela Bennewitz referierte über die Wiedergeburt des Barock in der wilhelminischen Zeit, die in Bad Neuenahr deutliche Spuren hinterlassen hat. Ihr Appell zum Umgang mit diesen Gebäuden: „Sie sollten die Gebäude schätzen – und erhalten.“

Die Bürgerinitiative entführte in die Tage, als sich in Bad Neuenahr die „hohen Herrschaften“ verlustierten. In und an zahlreichen Gebäuden zeichnet der Neubarock mit seinen entlehnten Stilformen die großen städtebaulichen Veränderungen als eher schroffe Reaktion gegen den Klassizismus nach 1850 nach. Das Gros der imposanten Bausubstanz von Bad Neuenahr und Ahrweiler stammt aus der sogenannten Gründerzeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts, einer Epoche voller gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Spannungen. Das spiegelt sich auch in den Fassaden wider.

Daniela Bennewitz spannte den Bogen vom Bad Neuenahrer Kurhaus bis hin zu den Bauten der Oberlandesgerichte Düsseldorf oder Berlin-Lichterfelde und zeigte auf, wie die Preußen und der Kaiser das Denken dieser Jahre und damit die Architektur beeinflussten. „Es wurde schnell, funktionell und schön gebaut“, befand Bennewitz.

Gerade diese Bauten will die Bürgerinitiative erhalten sehen. In „Sehschulen“ auf Stadtrundgängen will man sich mit der Stadtgestaltung auseinandersetzen, um – wenn möglich – Bausünden zu verhindern. Mit der Architektur der Jetztzeit mag man sich da nur selten anfreunden: „Die Bauten bestehen aus Glas, Stahl und Beton. Sie weisen keine Ästhetik auf“, meinte ein Diskutant. Und: „Die Gebäude sind sprachlos. Sie haben uns nichts zu erzählen.“

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