Akzente auf Trennung und Einheit: „Ein Ort, wo Kunst noch wirkt“

Akzente auf Trennung und Einheit : „Ein Ort, wo Kunst noch wirkt“

Die „Deutsche Einheit“ im ehemaligen Regierungsbunker, das verheißt ein prickelndes Kunstereignis. Weil mehr als 100 Exponate dort unmittelbar in Tuchfühlung kommen mit der Geschichte.

Thomas Baumgärtel und Harald Klemm, die seit 1999 großformatige Gemeinschaftswerke zur Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland erarbeiten und sich schon zuvor mit politischen Themen beschäftigten, nutzen ihre Kunst, um auf Missstände in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft hinzuweisen.

Im Bunkermuseum haben die Kölner Künstler auf dem 203-Meter-Reststück des einst geheimsten Bauwerks der Bundesrepublik, wo zwölfmal der atomare Dritte Weltkrieg geprobt wurde, Solo-Arbeiten als auch Gemeinschaftsarbeiten verteilt. Es sind frühere Werke und solche, die nach Erkundungen in Ahrweiler und drei Monaten Vorbereitung eigens für den Ausstellungsort entstanden sind. „An Techniken kommt alles vor, was wir auch sonst machen, von Sprühen über Siebdruck bis Acryl- und Ölmalerei“, so Klemm.

Neben den Bildwerken setzen Objekte, Installationen sowie ein Gemeinschaftsvideo eigene Akzente. Trennung und Einheit, Bedrohung und Freiheit flackern in den Arbeiten auf. Sie sollen anregen zum Nachdenken, wobei inszeniert wird mit „böser Kritik bis schmunzelnder Ironie“. Und mannigfach mit Banane. Denn Baumgärtel, „der Bananensprayer“, dem die Südfrucht Mittel und Motiv seines Schaffens wurde, bringt sie überall, aber mannigfach verwandelt ein. Sie flattert, mutiert zur Friedenstaube, über marschierende Soldaten der Duo-Arbeit „Ein Deutsch Deutsches Lied 2-3-4“. Sie krönt als gespaltene Doppelfrucht einen BRD-DDR-Grenzbaum, steht auf einem unscheinbaren „Made in Germany“-Schild in einem Betriebsraum, prangt, scheinbar gealtert, auf einem eingeschmuggelten Bierkasten.

Baumgärtel empfindet die Banane „als klares Symbol der Deutschen Einheit, als deutsches Symbol überhaupt“. Selbst Helmut Kohl, oft „Birne“ tituliert, war für den Künstler nach der Spendengeld-Affäre „nur Banane“. Das erklärt sein gelb-schwarzes, mit winzigen Bananen durchsetztes Konterfei vom lachenden Kohl.

Zwischenüberschrift

Und „weil Konrad Adenauer nach dem Zweiten Weltkrieg dafür gesorgt hat, dass wir als einziges Land in Europa zollfreie Bananen einführen konnten“, verband sich das gelbe Obst mit dem Wirtschaftswunder-Westen und mit der Mangelwirtschaft in der DDR. Als Begrüßungstrophäe wurde es schließlich zum Symbol der Wiedervereinigung. Seine spektakulärste Kreuzung von Banane und Geschichte ist wohl eine Mega-Banane, die quer im Brandenburger Tor steckt, jene Architektur, die wie keine andere 200 Jahre deutsche Geschichte verkörpert. Wenn jedoch die Freiheit im Bananenrausch gipfelt, dann stilisiert sich Baumgärtel auf einer Bretterwand auch hemmungslos zur Freiheitsstatue im Bananenmantel.

Klemm hat einen sehr persönlichen Zugang zum Thema. Ihm, der als Kind eindringlich die Trennung seiner Familie durch die Mauer erlebte, ist es wichtig, „Befindlichkeiten festzuhalten, von der Wiedervereinigung bis zur Flüchtlingsdiskussion, die im Moment stattfindet“. Er glaubt: Wir werden noch 20 Jahre damit zu tun haben, das Gedächtnis dieses Prozesses zu sein“. Von ihm kommt ein verwischtes Bild, das er mit Feuer traktierte und dessen Bilderhaut nun auf Schmerzen verweist, welche die Abgebildeten quälten: Zwei Brüder auf einer Bank, Klemms Vater und sein Onkel, gemalt nach einem Foto von einem der raren Treffen der Getrennten. Zwischen ihnen verläuft eine Art Leporello mit historischen Fotos, etwa der Flucht aus der Bernauer Straße.

Begrüßt wird der Ausstellungsbesucher links vom Eingang durch „Deutscher Sang“, gemeinsam erarbeitet und riesig. Buchstaben überziehen das Hochformat mit Grenzwachturm, ein Monument der Macht, vor dem man sich klein und hilflos fühlt. Entgegen der Bildhelligkeit liest man ganz oben: „Deutschland Dunkeldeutschland über alles“. Klemm und Baumgärtel mahnen, dass – wie damals bis zur Maueröffnung – wieder Grenzen und Zäune errichtet werden. Aktuell, um Flüchtlinge abzuwehren. Klemms Bild „New German Angst“, wo am ruinenhaften Brandenburger Tor ein Schlauchboot mit Totenkopfzeichen „gestrandet“ ist, rückt die deutsche Sorge, überschwemmt zu werden, noch um vieles näher. Abermals Buchstaben kennzeichnen beider Werk „Russisch Brot“. Das Gebäck diente, wie in „Deutscher Sang“, für Schriftaussparungen auf der gesamten Bildfläche.

Dort regiert die Grenzzone, der Todesstreifen mit Grenzzäunen zwischen West und Ost. Die Freiheit einer „Deutschen Einheit“ hängt noch als glühender roter Schriftzug zwischen zwei Lampen in der Luft. Dass sie verwirklicht wurde, hinterfragen die Künstler nicht nur in „Blühende Landschaften“, einer Riesen-Darstellung vom Brandenburger Tor, wo neben unzähligen Mini-Bananen Stechapfel und andere giftige Pflanzen toben. Das Bild hängt im letzten Museumsraum bei der vergitterten Tunnelröhre. Und ans Gitter haben die beiden Künstler einen grellen Bananen-Adler gehängt. Sie sind begeistert von dem originalen Geschichtsschauplatz unter den Weinbergen, der ihre Kunst noch kraftvoller macht. „Es ist ein Ort, wo Kunst noch wirkt“, sind sie sich mit Museumsleiterin Heike Hollunder einig.

Die Ausstellung ist am 9., 12./13. und 16. März nach Voranmeldung unter 0 26 41/9 11 70 53 geöffnet und ab 19. März mittwochs, samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr (letzter Einlass 16.30 Uhr) ohne Voranmeldung.

Mehr von GA BONN