Spurensuche: Drei Wochen im Lager bei Dernau

Spurensuche : Drei Wochen im Lager bei Dernau

Batia Friedmann-Dobreki aus Israel begab sich im Kreis Ahrweiler auf die Spuren ihres Vaters. Moses Friedmann wurde während des Zweiten Weltkriegs drei Wochen in einem kleinen Durchgangslager in Dernau festgehalten.

Es ist eine lange, emotionale Reise auf den Spuren ihres Vaters Moses mit Besuchen in Auschwitz, Wolfsburg, Dernau, Mittelbau-Dora und Bergen Belsen. Stationen, die ihr Vater von Mai 1944 bis April 1945 durchlief und zu erleiden hatte. Drei Wochen dieser Zeit verbrachte er mit 300 jüdischen Häftlingen in einem kleinen Durchgangslager in Dernau auf dem Weg von Tiercelet in Frankreich nach Mittelbau-Dora im Harz.

Bei Matthias Bertram aus Ahrweiler, der im Rahmen der Recherchen für seine Dokumentation „Untertageverlagerung Geheimkommando Rebstock“ 2018 in Israel bereits mit den Töchtern von Moshe Shen gesprochen hatte, hatte sich nun Batia Friedmann-Dobreki, die Tochter eines weiteren Häftlings, gemeldet, um Details zum Aufenthalt ihres Vater in Dernau zu erfahren. Friedmann-Dobreki brachte ihrerseits eine Reihe von noch unbekannten Details und Dokumenten mit und ging mit Bertram die Wege entlang, die ihr Vater vor 75 Jahren in Dernau gegangen war.

Vom Ort, wo ehemals die drei Baracken auf dem Bahndamm zwischen Dernau und Rech standen, ging es zu Fuß Richtung Sonderbergtunnel in Dernau. Bürgermeister Alfred Sebastian hatte es ihr möglich gemacht, diesen nur 125 Meter langen Tunnel zu besichtigen. Wie im September 1944 dient der Tunnel auch heute lediglich als Lager für Materialien. Den Sonderbergtunnel musste Moses Friedmann auf seinem Weg von den Baracken zum Arbeitseinsatz im Trotzenbergtunnel durchqueren. Von dort ging es für Friedmann-Dobreki und Bertram weiter über den noch erhaltenen ehemaligen Bahndamm bis zum Eingang des Trotzenbergtunnels.

Es folgte ein Gang durch die Straßen von Dernau entlang der Stellen, an denen nach Zeitzeugenberichten die Bewohner versucht hatten, den passierenden Kolonnen der abgemagerten Häftlinge ein paar Lebensmittel an den Weg zu legen. Vom Bahnhof Dernau, an dem die Häftlinge unerwartet am 2. September 1944 nach ihrem Transport aus Tiercelet in Frankreich ankamen, ging es über die Straßen, die damals zu den drei Baracken führten.

Da die von Volkswagen erwarteten Anlagen nicht in Dernau ankamen (sie waren in Tiercelet von den Alliierten beschlagnahmt worden), hatten die als Mechaniker beschäftigten VW-Häftlinge keine geeignete Arbeit an dem geplanten V1-Projekt, das dort aufgebaut werden sollte. So kam bereits am 21. September die Anweisung aus Berlin, die für Volkswagen arbeitenden Häftlinge und Zwangsarbeiter weiter Richtung Mitteldeutschland zu schicken. Alle 300 jüdischen Häftlinge wurden unmittelbar danach nach Mittelbau-Dora gebracht und etwa zur gleichen Zeit die bis zu 300 holländischen Zwangsarbeiter aus Amersfort, die für vier Wochen in Ahrbrück untergebracht waren, nach Guxhagen bei Kassel. Somit wurden die Menschen, die die von Volkswagen geplanten Produktionslinien für die V1 aufbauen sollten, nach drei bis vier Wochen wieder abgezogen.

An der Gedenkstätte „Lager Rebstock“ sprach Bertram die von ihm mehrfach kritisierten Fehler in den Texten der Infotafeln und der Konzeption an: „Niemals waren die jüdischen Häftlinge, also auch Batia Friedmanns-Dobrekis Vater, und auch die holländischen Zwangsarbeiter Teil des sogenannten 'Lager Rebstock'. Sie haben nie im Kuxbergtunnel und im Projekt Rebstock (V2) gearbeitet, sondern waren wenige Wochen im geplanten VW Projekt V1 eingesetzt, das in Dernau geplant, aber nie fertiggestellt wurde.“

Aus Dernau kam Friedmann in das KZ Mittelbau-Dora. Er hat überlebt. Nachdem die Engländer aus Palästina abgezogen waren, hatte er 1948 die Chance, nach Israel einzuwandern. In seiner Familie sprach er so gut wie nie über seine Erlebnisse. Erst als ihn viel später Steven Spielberg im Rahmen eines Filmes, der für die Gedenkstätte Yad Vashem gedreht wurde, interviewte, berichtete er davon. Auf die Frage, weshalb er nicht über diese Ereignisse gesprochen habe, antwortete er: „Ich habe mich geschämt, geschämt dafür, dass ich fast der einzige Überlebende unserer großen Familie im Holocaust gewesen bin.“

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