Nothilfe für "Preußisch Sibirien"

So entstand der Mythos Nürburgring

Die Automobilindustrie drängt früh auf eine anspruchsvolle Teststrecke abseits öffentlicher Straßen. Die Standortwahl fällt zugunsten der Hocheifel aus - und ist bis heute wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Region.

Nicht jeder mag nachvollziehen, dass es Menschen gibt, die schon der Gedanke an aufheulende Motoren oder der Geruchsmix aus Benzin, Asphalt und verbranntem Gummi in schiere Euphorie versetzt. Rennsport-Enthusiasten eben. Doch für die Bewohner der Landschaft zwischen Rhein, Ahr, Kyll und Mosel bedeutet die Rennstrecke rund um die Nürburg weit mehr als dies. Der Ring ist ein Wirtschaftsfaktor mit Strahlkraft auf unzählige Kleinunternehmen, der Ring wirkt als Jobmaschine in einer mit Arbeitsplätzen nicht eben reich gesegneten Region und ist zudem für die Eifelbewohner identitätsstiftend wie etwa der Dom für die Kölner oder der Rhein für die Rheinländer.

Autorennen gibt es fast so lange wie das Automobil selbst. Der Ruf nach mehr Sicherheit wird schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts laut, als Rennen noch auf öffentlichen Straßen ausgetragen werden. Auch die Automobilindustrie drängt früh auf eine Rundstrecke abseits öffentlicher Straßen, um neue Fahrzeuge testen zu können.

Die Standortwahl fällt zugunsten der Hocheifel aus, weil die bitterarme Region tief im Westen die Entwicklungshilfe dringend nötig hat. Selbst die Landwirtschaft ist wegen des felsigen Bodens und der unsteten, feuchtkalten Witterung ein unrentables Geschäft. Im fernen Berlin wurde die Eifel schon zu Kaisers Zeiten "Preußisch Sibirien" genannt, Versetzungen dorthin waren unter den Beamten gefürchtet.

Am 1. Juli 1925 startet diese gigantische "Notstandsmaßnahme im Rahmen der Erwerbslosenfürsorge im ärmsten Kreis des Landes Preußen" nahe der Hohen Acht, der mit 747 Metern höchsten Erhebung des Mittelgebirges. Auf der Baustelle sind nun bis zu 2500 Arbeiter in Lohn und Brot, bewegen 336 790 Kubikmeter Erdreich und Gestein und verarbeiten 11.119 Kubikmeter Beton.

Die "Grüne Hölle"

Ursprünglich waren die Baukosten der 28 Kilometer langen "Gebirgs-, Renn- und Prüfungs-Straße" mit 2,5 Millionen Reichsmark kalkuliert. Ein Jahr nach dem ersten Spatenstich muss die Kostenplanung erneut nach oben korrigiert werden: von 5,1 Millionen auf 8,1 Millionen Reichsmark. Im Interesse der Automobilhersteller soll die Strecke rund um die Ruine der Nürburg äußerst anspruchsvoll sein, Mensch und Technik alles abverlangen. Allein die Nordschleife zählt 73 Kurven, 320 Meter Höhenunterschied, außerdem Steilwand ("Karussell") und Sprunghügel. Kein Wunder, dass der schottische Formel-1-Pilot Jackie Stewart Jahrzehnte später den griffigen Namen "Grüne Hölle" für den legendären Rundkurs prägt.

Nach nur zweijähriger Bauzeit wird die Strecke am 18. Juni 1927 feierlich eröffnet. Rudolf Caracciola gewinnt am Folgetag das erste Autorennen. Der Spross der Remagener Hotelier-Dynastie nennt die Strecke gleich nach dem Sieg "bärig schwer". Das hindert ihn aber nicht, in den Folgejahren über den Ring von Sieg zu Sieg zu kurven. Caracciola, die erste Nürburgring-Legende. Der Argentinier Juan Manuel Fangio beherrscht den Ring in den 50er-Jahren, zwischen 1968 und 1973 steht dort Jackie Stewart drei Mal auf der obersten Stufe des Grand-Prix-Siegerpodests, zwei Mal der Belgier Jacky Ickx.

Der dramatische Unfall des dreimaligen Formel-1-Weltmeisters Niki Lauda am 1. August 1976 überschattet das endgültig letzte Grand-Prix-Rennen auf der Nordschleife, ist aber nicht Auslöser für das Aus des alten Rings als Grand-Prix-Strecke - das war schon vor dem Start beschlossen. Lauda konnte übrigens auch zuvor nie ein Rennen auf dem Nürburgring gewinnen. Letzter Formel-1-Sieger auf dem alten Ring: Laudas Erzrivale James Hunt.

Ein Rekord für die Ewigkeit?

1984 wird die nagelneue Grand-Prix-Strecke auf dem Areal der alten Südschleife eröffnet, die Fachwelt feiert den neuen, sicheren Nürburgring. Das erste Rennen mit von 20 Stars der Branche (inklusive Lauda) chauffierten baugleichen Tourenwagen gewinnt übrigens der brasilianische Formel-1-Neuling Ayrton Senna. Im Jahr zuvor, 1983, erzielt Stefan Bellof den absoluten Rundenrekord für die alte Nordschleife, der bis heute nicht unterboten werden konnte: 6:11,13 Minuten.

Bellof, die Nürburgring-Legende, stirbt zwei Jahre später mit erst 27 Jahren bei einem Rennen im belgischen Spa-Francorchamps. Sein Porsche knallt mit Tempo 300 frontal gegen einen Betonpfeiler.

Zehn Jahre später betritt eine neue Nürburgring-Legende die Bühne in der Hocheifel: Michael Schumacher fährt dort von 1995 bis 2006 fünf Grand-Prix-Siege ein - so viele wie niemand zuvor.

Und niemand danach: Sebastian Vettel gewinnt 2013 das vorerst letzte Formel-1-Rennen auf dem Nürburgring. In den bislang 34 Jahren des Bestehens des sicheren Grand-Prix-Kurses war der Formel-1-Zirkus dort nur 18 Mal zu Gast.