1. Region
  2. Ahr & Rhein

Ausbildung im Kreis Ahrweiler: Kreishandwerkerschaft kritisiert „Akademisierungswahn“

Ausbildung im Kreis Ahrweiler : Kreishandwerkerschaft kritisiert „Akademisierungswahn“

Junge Leute haben sich beim 24. Berufsinfomarkt des Kreises Ahrweiler in Bad Neuenahr informiert. Die Kreishandwerkerschaft kritisierte dort „Akademisierungswahn“ als Ursache für den Mangel an Fachkräften.

In Zeiten des ständig beklagten Fachkräftemangels kann die Berufsbildende Schule tatsächlich als wichtigste Schule unserer Gesellschaft bezeichnet werden.“ Davon ist Gundis Kontakis, Leiterin der Berufsbildenden Schule des Kreises Ahrweiler (BBS), überzeugt. Mit ihren vielfältigen Schulformen stemme sie immerzu Veränderungen und neue Herausforderungen. „Wir passen unser Innovationstempo ständig der Welt an, eigentlich versuchen wir sogar immer, einen Schritt voraus zu sein“, sagt Kontakis. Dabei biete die BBS den ihr anvertrauten jungen Menschen mit ganz unterschiedlichen Kompetenzen vielfältige berufliche Bildungsangebote mit guter Zukunftsperspektive.

Das wurde beim 24. Berufsbildungsmarkt deutlich, bei dem die BBS am Samstag gemeinsam mit ihren dualen Partnern über Chancen und Möglichkeiten beruflicher Bildung informierte. Einmal mehr wurde dabei die Vielfalt der beruflichen Bildung und des dualen Ausbildungssystems im Kreis Ahrweiler aufgezeigt. Zukünftige Auszubildende und angehende Vollzeitschüler nutzten zuhauf die Möglichkeit, sich in allen Fragen der schulischen und beruflichen Aus- und Weiterbildung beraten zu lassen.

Informationen aus erster Hand

Junge Leute auf der Suche nach ihrem künftigen Job erhielten Informationen aus erster Hand von anerkannten Fachleuten, die sich tagtäglich mit Fragen der beruflichen Bildung beschäftigen und gerne dabei halfen, erste Weichenstellungen vorzunehmen.

„Denn eines ist klar: Wer bereit ist, an seinen Defiziten zu arbeiten, neuen Herausforderungen mit Engagement und positivem Ehrgeiz zu begegnen und bei der Wahl des Ausbildungsplatzes das notwendige Maß an Flexibilität und Realismus mitbringt, dem bietet der aktuelle Ausbildungsmarkt hervorragende Perspektiven“, erklärte Kontakis.

Zumal die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze in den nächsten Jahren bedrohliche Ausmaße annehmen könnte. Schon heute hätten Handwerk und Industrie, die Dienstleistungsbranche und der öffentliche Dienst Schwierigkeiten, geeignete Bewerber für Ausbildungsplätze zu finden. „Die Betriebe haben im vergangenen Jahr wieder nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen können, da es an ausbildungsfähigen und ausbildungswilligen Jugendlichen mangelte“, bedauerte Bernd Greulich, Leiter der Regionalgeschäftsstelle Bad Neuenahr-Ahrweiler der Industrie- und Handelskammer Koblenz. Umgekehrt bedeute das für junge Menschen: „Die Chance auf einen passenden Ausbildungsplatz ist so hoch wie nie.“

Mit insgesamt 376 neu eingetragenen Ausbildungsverhältnissen in Industrie, Handel und Dienstleistung habe das Vorjahresniveau nicht ganz erreicht werden können. In den gerade für den Tourismus im Kreis bedeutenden Berufen des Gastgewerbes sei die Zahl hingegen um zwei Prozent angestiegen, nachdem sie im Vorjahr um 15 Prozent abgenommen hatte. Greulich warb auch dafür, weniger bekannte Berufe zu ergreifen, etwa den Kaufmann im Gesundheitswesen oder die Fachkraft für Lebensmitteltechnik, die auf die Region zugeschnitten seien.

Zu wenig Azubis und wenige Nachfolger für den Betrieb

Thomas Nelles, stellvertretender Kreishandwerksmeister, bestätigte: „Zu wenig Azubis und Probleme, einen Nachfolger für den Betrieb zu finden – das sind die wichtigsten Themen der selbstständigen Handwerkerschaft.“ In der Politik fehle nach wie vor die richtige Wahrnehmung für die Bedeutung der dualen Ausbildung. Diese sei ein Erfolgsmodell. Es gebe keinen Grund, dies zu verändern. Im Kreis Ahrweiler erlernten derzeit 699 Auszubildende einen Handwerksberuf, etwa gleich viel wie im Jahr zuvor, ergänzte Kreislehrlingswart Rolf Genn. Auch in diesem Jahr stünden für interessierte Jugendliche in nahezu allen Handwerksberufen offene Ausbildungsstellen zur Verfügung.

Doch den Handwerksberufen machten gleich zwei Entwicklungen zu schaffen. Zum einen nehme die Zahl der Schüler aus den Abgangsklassen immer weiter ab, und dann entschieden sich auch mehr als die Hälfte aller Abgangsschüler für das Gymnasium und stünden so für eine duale Ausbildung nicht zur Verfügung. „Eine Folge des Akademisierungswahns unserer Gesellschaft, die den jungen Leuten suggeriert, dass sie ohne Abi und Studium nichts seien“, kritisierte Nelles. „Die Möglichkeiten in den Handwerksberufen bis hin zur Selbstständigkeit werden nicht erkannt.“

Ein Ansporn für mehr Zulauf könne nach seiner Ansicht die Anhebung der Meisterqualifikation auf akademisches Niveau, etwa eines Bachelors, darstellen. Schon heute sei ein Studium auf Grundlage einer erfolgreich abgeschlossenen Lehre möglich, ergänzte Patrick Stein, Bereichsleiter der Agentur für Arbeit Koblenz-Mayen. „Auf keinen Fall sollte man Jugendliche, die lieber eine Ausbildung machen und praktisch arbeiten wollen, zum weiteren Schulbesuch drängen“, findet Stein. Denn auch nach der Ausbildung böten sich beste Karrierechancen