Zukunft der Grafschaft: Interview mit Bürgermeister Achim Juchem (CDU)

Zukunft der Grafschaft : Interview mit Bürgermeister Achim Juchem (CDU)

Die Grafschaft boomt. Noch nie war das Gewerbesteueraufkommen so hoch, noch nie gab es so glänzende wirtschaftliche Perspektiven. Einzig die demografische Entwicklung und eine Flucht der Bevölkerung weg vom Land hin in die Stadt dürfte Bürgermeister Achim Juchem Sorgen bereiten. Über die Zukunft der aus 17 Ortschaften bestehenden Gemeinde an der Landesgrenze sprach Victor Francke mit dem Grafschafter Bürgermeister.

Vom geplanten Factory Outlet Center (FOC) hat man nach längerer Pause nun wieder etwas gehört. Der Investor hält an seinen Plänen fest. Betreiber Neinver und MAB wollen das Vorhaben gemeinsam weiter anehen. Geht es jetzt voran?

Achim Juchem: Ja, so sehe ich das. Neinver und MAB sind weiter stark interessiert und arbeiten hinter den Kulissen unter Volldampf an diesem für die Region so wichtigen Projekt.

Wann, wo und wie geht es denn jetzt weiter?

Juchem: Noch sind nicht alle für das FOC notwendige Flächen gesichert. Der Betreiber möchte in unmittelbarer Sichtbeziehung zur Autobahn bauen. Da laufen noch einige Grundstücksverhandlungen, die aber nach meinem Kenntnisstand vor einem guten Abschluss stehen. Wie sooft in derartigen Fällen wird da auch ein wenig gepokert.... Sobald alle Grundstücksfragen geklärt sind, gehen wir in das Zielabweichungsverfahren. Ich denke, das wird Ende des Jahres ein.

Das Zielabweichungsverfahren bedeutet, dass grundsätzliche Festlegungen im Flächennutzungsplan geändert werden müssen, was der Zustimmung der Landesregierung bedarf. Auch muss das Mittelzentrum Bad Neuenahr-Ahrweiler beteiligt werden. Erwarten Sie da nicht erheblichen Verdruss? Das Land ist bei der Schaffung von Einkaufsstätten auf der grünen Wiese nicht gerade euphorisch. Und der Neuenahrer Bürgermeister hat bereits erklärt, dem Vorhaben mit einem klaren Nein zu begegnen, weil er seinen Einzelhandel in Gefahr sieht.

Juchem: Ich kann in diesem Zusammenhang nur auf die sehr eindeutige Rechtsprechung verweisen. Zudem teile ich Ihre Meinung nicht, dass uns aus Mainz Verdruss erwartet. Nach meiner Einschätzung wird man den Antrag auf Zielabweichung unvoreingenommen und sachlich prüfen. Sofern die Kreisstadt bei ihrem Nein bleibt, werden letztendlich die Gerichte entscheiden müssen, ob gebaut werden darf. In meinen Augen wäre dies ein unnötiger Kraftakt. Wenn man sich noch einmal in Ruhe die Gutachten durchliest und sich die tatsächliche Entwicklung der letzten Jahren bei den Outlets in Roermond und in Zweibrücken mit jeweils über drei Millionen Besuchern im Jahr anschaut, dann stellt man schnell fest, dass mit einem FOC auf der Grafschaft große Chancen auch für die Kreisstadt einhergehen. Es ist bedauerlich, dass man dies dort noch nicht erkannt hat beziehungsweise anders bewertet.

Rheinbach, Meckenheim, Bad Neuenahr-Ahrweiler: Alle kämpfen gegen Ihr Projekt. Wie sicher sind Sie, dass am Innovationspark mal ein FOC Grafschaft stehen wird?

Juchem: Projekte dieser Größenordnung werden gerade in der Nachbarschaft immer heftig diskutiert. Das wäre völlig anders, wenn sich ein solches Vorhaben in den eigenen Stadtmauern abspielen würde. Ich sehe das alles gelassen. Wir gemeinsam werden sehen: Wir haben zum einen das Recht auf unserer Seite und zum anderen werden andere nur profitieren.

Auch die Ansiedlung von Haribo ist Thema auf der Grafschaft. Die Rede ist dank der guten Autobahnanbindung zumindest von einer großen Lagerstätte, um die sich allerdings auch andere Kommunen in der Bonner Peripherie bemühen...

Juchem: Ja, es stimmt, wir haben uns als Standort angeboten und wir glauben, gute Karten zu haben. Jetzt gilt es, die Entscheidung von Haribo abzuwarten, die mit Blick auf die Vielzahl der Betriebsstandorte alleine schon in Westeuropa mit Sicherheit nicht einfach ist.

Ohnehin sind Sie in Ihrer Gewerbeflächenpolitik in ständiger Bewegung.....

Juchem: ....was sich ja auch bezahlt gemacht hat. In den vergangenen zehn Jahren hat sich unser Gewerbesteueraufkommen nahezu vervierfacht. Wir wollen auch weiterhin auf unseren guten Standort mit seinen herausragenden Anbindungen hinweisen, weil wir unsere Potenziale noch längst nicht ausgeschöpft haben. In Gelsdorf haben wir noch viel Platz für Gewerbe, im Innovationspark I bis IV sind von 25 Hektar gerade elf vermarktet. Im Teilbereich V und VI stehen weitere 25 Hektar zur Verfügung. Ein Partner wie Haribo hätte hier also alle Möglichkeiten.Andere natürlich auch.

Nun sind Sie Bürgermeister einer Gemeinde, die aus zahlreichen kleinen Ortschaften besteht. In einzelnen gibt es weder ein Geschäft, noch eine Gaststätte. Haben Sie nicht Angst vor Landflucht?

Juchem: Die demografische Entwicklung ist wie sie ist. Natürlich versuchen wir, ihr zu begegnen. Wir weisen attraktives und preiswertes Bauland für junge Familien aus, wir haben Kindergärten und Grundschulen mit guten Angeboten, wir haben ein Jugend- und hoffentlich bald auch ein Seniorentaxi, um die Mobilität sowohl der jungen als auch der älteren Bewohner zu gewährleisten. In Ringen ist nach dem Umbau mit dem Rewe-Markt quasi ein funkelnagelneues Lebensmittelgeschäft entstanden, in Gelsdorf steht ein neues in den Startlöchern. Wir unternehmen sehr viel, um die Menschen hier in ihrem vertrauten Umfeld zu behalten. Dazu gehört übrigens auch unsere Überlegung, ein Seniorenheim zu realisieren, für diejenigen, die nicht mehr in ihren heimischen vier Wänden wohnen können.

Können Sie dazu schon etwas Konkreteres sagen?

Juchem: Wir stehen im Gespräch mit Interessenten, mit Investoren und Betreibern. Denkbar wäre auch, dass wir selber bauen und die Einrichtung dann an einen Know-how-Träger verpachten.

Wie bewerten Sie die Kindergartensituation auf der Grafschaft?

Juchem: Wir sind hier auf einem guten Weg, auch was die aktuell diskutierte Übernahme von kirchlichen Kindergärten anbetrifft. Wir müssen Konzepte und Räume den sich verändernden Bedürfnissen anpassen. Dabei wollen wir so flexibel sein, dass die geschaffene Infrastruktur nach einem Abschwellen des momentanen Bedarfs an Kindergarten- und Kindertagesstättenplätzen auch anders, beispielsweise für Senioren genutzt werden kann.

Das jüngste Unwetter hat die Grafschaft einmal mehr hart getroffen. Insbesondere in Nierendorf war "Land unter" mit hohen Schäden.

Juchem: Unser Bauhof hat in der gesamten Grafschaft alleine 900 Arbeitsstunden absolviert, um die schlimmsten Schäden zu beseitigen. Damit sind wir längst noch nicht fertig. Etwa 1000 Arbeitsstunden stehen noch an. Die Arbeit von Fremdfirmen hat uns bisher 150 000 Euro gekostet. Das Ende ist noch nicht in Sicht.

Umso wichtiger könnte da das Regenrückhaltebecken in Nierendorf sein...

Juchem: Das sehe ich auch so. Das Wasser läuft bei solchen Unwetterereignissen wegen der vorhandenen Topographie in dem Dreieck Leimersdorf-Oeverich-Birresdorf quasi wie in einen Trichter nach Nierendorf hinein. Nachdem wir die Planung und den Grunderwerb in enger Abstimmung mit den Landesbehörden zügig abgearbeitet haben, die Finanzierung trotz angespannter Haushaltslage steht, hoffe ich, dass wir noch dieses Jahr mit dem Bau des Beckens beginnen können und nicht durch ein mögliches Klageverfahren weiter aufgehalten werden.

Das wie viel kosten wird?

Juchem: Etwa eine Million Euro.

Noch ein Wort zur geplanten Frankensiedlung auf der Grafschaft. So ein Freilichtmuseum wäre doch auch hinsichtlich ihrer touristischen Vermarktungsmöglichkeit nicht schlecht...

Juchem: Deshalb unterstütze ich das Vorhaben ja auch. Wir müssen nur den geeigneten Standort finden. Und das wird uns auch gelingen. Da bin ich sehr zuversichtlich.

Achim Juchem

Achim Juchem wurde im November 1968 in Bad Neuenahr geboren. Er ist Verwaltungswirt, war stellvertretender Abteilungsleiter im Gesundheitsamt der Kreisverwaltung. 2004 wurde der in Birresdorf wohnende Verwaltungsfachmann erstmals zum Bürgermeister der verbandsfreien Gemeinde Grafschaft gewählt.

Bei dieser Wahl musste sich Juchem gegen zwei Mitbewerber durchsetzen - was ihm im ersten Wahlgang gelang. Nach Ablauf seiner Amtszeit stand er 2012 erneut zur Wahl. Einen Gegenkandidaten gab es nicht. Er erhielt 91,6 Prozent der abgegebenen Stimmen. Juchem gilt als innovativer Macher. In der Grafschaft gilt er über alle Parteigrenzen hinweg als sehr anerkannt.

Mehr von GA BONN