Zirkusjubiläum in Grafschaft: Von Kopf bis Fuß ein Knie

Zirkusjubiläum in Grafschaft : Von Kopf bis Fuß ein Knie

Jeder, der auf Sascha Melnjak trifft, muss sein Bild vom Zirkusdirektor revidieren. Goldene Litzen an einer Kostümjacke oder Glitzer-Pailetten sucht man bei dem Stuttgarter vergeblich. Er ist nicht laut mit großen Gesten, taucht auch nie in der Manege auf.

Und das einzige wilde Tier, das einem in seinem rollenden Büro empfängt, ist ein Mops mit nur einem Zahn. Melnjak (39), seit 2007 Direktor des Zirkus Charles Knie, ist ein ruhiger, besonnener, junger Mann. Ein Kaufmann, dem es gelungen ist, in nur sieben Jahren sein Unternehmen zu Europas beliebtesten Groß-Zirkus mit rund 50 Gastspielstädten pro Saison und rund 500.000 Besuchern auszubauen.

Aber auch ein Mann mit einer Vision, die er seit seinem ersten Zirkusbesuch mit der Oma im Alter von sechs Jahren kontinuierlich in die Tat umsetzt. Er möchte den Menschen eine Show bieten, wie er sie sich als Knirps bereits gewünscht hat: kurzweilig, temporeich, für jedes Alter, gespickt mit international ausgezeichneten Artisten und Tierlehrern, garniert mit einem Live-Orchester und einem Ballett. Wenn das alles sich mit Modernität, Sauberkeit und seriösem Management paart, erst dann gibt sich Melnjak zufrieden.

So steht er in Jeans und T-Shirt vor der Delegation aus der Grafschaft und freut sich, als er hört, dass aus einem Gag Realität geworden ist: eine siebte Zusatzvorstellung anlässlich des 40. Geburtstages der Gemeinde Grafschaft im Innovationspark Rheinland (der GA berichtete). Was für Jürgen Hemmers und Stefan Ballack vom Ringener Veranstalter "htc" und Klaus Jungmann, Direktor des Historischen Gasthauses "Sanct Peter", der mitgekommen ist, um das Thema Wein und Catering am ersten Juli-Wochenende festzuzurren, bedeutet: ein Rekordbesuch von 10.500 Menschen in drei Tagen. Vom 11. bis 23. Juni geht's mit der Mannschaft aus 100 Mitarbeitern, 110 Tieren, 207 Fahrzeugen und 22 Zugmaschinen nach Bonn, nach dem Ringener Gastspiel nach Mayen.

Während die Hitze von mehr als 30 Grad in Duisburg dafür verantwortlich ist, dass statt rund 1500 Gäste nur ein Zehntel den Weg in die Vorstellung findet, führt Melnjak die Gäste aus dem Kreis Ahrweiler rund und erzählt seine Geschichte.

Nach Abi, Zivildienst und kaufmännischer Ausbildung, arbeitet er in diversen Zirkusbetrieben als Pressesprecher, Tourneeleiter und Geschäftsführer. Schon 1999 gründet er den Heilbronner Weihnachtscircus, den er bis heute erfolgreich veranstaltet und der in jedem Winter rund 80.000 Menschen anlockt.

Als 2006 Charles Knie beschließt, seinen Zirkus zu verkaufen, um sich seinen Kindheitstraum von einem eigenen Tierpark in Australien zu erfüllen, da zögert Melnjak nicht lange. Die stringente Umsetzung seiner Vision trägt ihm den Zukunftspreis der Gesellschaft der Circusfreunde ein, eine Fachzeitschrift tituliert ihn als "neuer Mann des deutschen Zirkus".

Als die Grafschafter Besucher mit dem nötigen Respekt und Abstand an Baby, Mala und Jumba vorbei gehen, stellt er Elvis Errani vor. Der Italiener lenkt und leitet die drei indischen Elefantendamen nur durch seine Stimme. Dafür erhält er 2009 auf dem Internationalen Circusfestival von Monte Carlo den "Bronzenen Clown". "Prinzessin Stephanie hat gerade wieder darum gebeten, dass Elvis im Januar beim Festival dabei ist", so Melnjak.

Während die Seelöwen bei der Hitze munter im Pool planschen, dösen die Raubtiere, darunter auch gigantische Liger und weiße Löwen, vor sich hin. "Das tun sie auch in freier Wildbahn. Sie schlafen 20 Stunden", so Melnjak. Tierlehrer Tom Dieck junior hat für die Präsentation seiner gemischten Raubtiergruppe gerade in Monaco ebenfalls den "Bronzenen Clown" erhalten.

Wichtig ist dem Chef, der davon gehört hat, dass die Stadt Sinzig keinen Zirkus mehr gastieren lassen möchte (der GA berichtete), zu betonen, dass alle Tiere ausreichend Platz haben und in bestem Zustand sind. "Sind wir in 50 Gastspielstädten, kommt im Jahr 50 mal der Veterinär. Wir achten sehr darauf, dass es unseren Tieren an nichts mangelt." Stefan Ballack, der als eingefleischter Zirkusfan und Freund von Melnjak den Stein für die Grafschaft ins Rollen brachte, weiß zu berichten, dass nun viele Sinziger Zirkusfreunde nach Ringen kommen.

Am Ende der exklusiven Führung dürfen die Besucher in der Loge Platz nehmen: Da, wo man die Riesenkatzen riecht und feuchte Hände bekommt, wo man hofft, dass die Lamas nicht spucken und der schwarze Friese es dann tut, wo das Känguru vorbei hüpft und man beim dreifachen Salto der Truppe "Flying Costa" genauso die Luft anhält wie beim Drahtseilakt des temperamentvollen Spaniers Nicol Nicols.

Als Cesar Dias als progressiver Clown der neuen Generation - Preisträger des internationalen Festivals von Budapest 2014 - die hochkarätige Zirkusgala mit Sinatras "My way" beendet, da glaubt man für einen kurzen Moment, es sei für Zirkusdirektor Sascha Melnjak gesungen worden.