Programm „Elfenbeinkonzert“: Kabarettist Rainald Grebe provoziert in Lantershofen

Programm „Elfenbeinkonzert“ : Kabarettist Rainald Grebe provoziert in Lantershofen

Mit Rainald Grebe war in Lantershofen ein Star und Zyniker der Kabarett-Szene zu Gast. Veranstalter sprechen vom Ritterschlag für die Bühne.

„Das war der Ritterschlag für unsere kleine Bühne“ – da war man sich beim Grafschafter Verein „Kulturlant“ einig. Die Rede war vom letzten Auftritt im Rahmen des Kabarett-Abo-Programms 2018/19 im Lantershofener Winzerverein, bei dem am Samstagabend Rainald Grebe zu erleben war. Der im Jahr 2012 mit dem deutschen Kabarettpreis ausgezeichnete Liedermacher, Schauspieler, Kabarettist und Autor präsentierte sein „Elfenbeinkonzert“.

Mit Konzert hatte das durchaus etwas zu tun, ließ sich Grebe doch immer wieder am Flügel nieder und stimmte zu Gesang und nachdenklichen Texten an. In der Summe war sein Programm, das mitsamt vier Zugaben fast drei Stunden dauerte, eine Mischung aus Kabarett und Theater. Vor allem aber große Kunst.

Grebe hielt auf seine ganz eigene Art der Gesellschaft, und damit auch dem Publikum, in der seit Monaten ausverkauften Vorstellung den Spiegel vor, indem er in ihre Rolle schlüpfte. Schon das Outfit war eine erste Provokation: Sakko, Hemd, Krawatte, Turnhose. In der Hand den großen, sprechenden Koffer mit all dem, was er zu sagen und zu zeigen hat, schlurfte der 48-Jährige durch den Saal auf die Bühne, von wo aus er ständig mit seinem Techniker Franz kommunizierte. „Ohne den geht es nicht“, stellte Grebe schnell fest.

Aber erst einmal wurde ihm wegen eines kleinen Malheurs flugs die Kündigung ausgesprochen. Grebes Mantra an diesem Abend war die Vermittlung des deutschen Liedguts an Afrikaner. Aber welches deutsche Liedgut? Etwa das, das unter dem Namen Hip-Hop längst sein Reimschema verloren hat? 1992 war alles noch gut, als die Fantastischen Vier mit ihrem schwäbischen Kehrwoche-Hip-Hop noch Reime präsentierten. Das ist verloren gegangen. Aber wo? Kann man das den Ivorern an der Elfenbeinküste, wo Grebe als Kulturbotschafter 2016 einen Volksliederkursus im Goethe-Institut gab, vermitteln? Oder doch besser Helene Fischers Schlagerknaller „Atemlos durch die Nacht“, den die Ivorer schließlich fröhlich anstimmten.

Gäste blieben auch nach der vierten Zugabe sitzen

Dem Publikum in Lantershofen wurde dies und manches andere auf der Leinwand vorgeführt.„Atemlos“ erfüllt die Kriterien eines Volkslieds, also eingängig, gut singbar und identitätsstiftend. Tja, kommentiert Grebe die Einspieler, „das ist Kolonialismus auf Augenhöhe, sagen wir es mal so“. Was ist der Mann für ein Zyniker.

Grebe sprang von Rolle zu Rolle, hatte die Jugend auf dem Kieker und bescheinigte ihr, dass der Sprachschatz irgendwo zwischen Selfie und „Lol“ doch was Gutes sei. Dabei gab es die per „Face Swapping“ verballhornten Snapchat-Fotos und Musikvideos, die Teenies mit der App Musically gebastelt haben, zu sehen. Kultur der Zukunft. Was bleibt für die Älteren außer „Raus in die Arena“? Per Song wurde die Routine des Tages provokant dargestellt. Dann schon lieber ein Leben wie das des „Dirk“, der schon Grandmaster Flash hörte, als Grebe noch Reinhard Mey verehrte.

Die Show lief, dann aber der Moment, der dem Publikum den Atem stocken ließt. Grebe berichtete von seinem Afrika-Trip und scherzte über die Gefahrenzulage für Mitarbeiter des Goethe-Instituts, von der die alte Freundin, die ihm den Job in Abidjan antrug, berichtete. Doch dann: „Henrike ist im März ermordet worden, zufällig, zusammen mit 15 anderen am Strand, niedergemäht von Islamisten.“ Das Publikum war mucksmäuschenstill, Grebe schwenkte um, wurde wortwitzig, sezierte die Gesellschaft noch mehr und ließ einen starken Abend ausklingen. Nach Hause gehen wollte da niemand. Auch nach der vierten Zugabe blieben die 250 Gäste sitzen und hofften vergeblich auf einen weiteren Nachschlag.

Und warum kommt Grebe, der auch schon mal vor 10.000 Leuten Konzerte in Berlin gibt, ins kleine Lantershofen? Der Star löst das Rätsel. Sein Musical-Projekt „Effzeh! Effzeh!“ zum Thema 1. FC Köln zog ihn zu Club-Archivar Dirk Unschuld. Der wohnt in Lantershofen und machte für seine Hintergrund-Infos den Auftritt bei Kulturlant zur Bedingung. Grebe willigte ein und legte als Gage die Bezahlung in Weißwein und Eifelgeist fest. Kistenweise wechselten die Getränke noch in der Nacht den Besitzer.