Gefahr durch Starkregen: Hochwasserschutz in der Grafschaft ist komplex

Gefahr durch Starkregen : Hochwasserschutz in der Grafschaft ist komplex

Das Hochwasserschutzkonzept der Gemeinde Grafschaft sieht Investitionen von bis zu 50 Millionen Euro vor. In seiner Komplexität und Differenziertheit sei das Konzept sicher einzigartig in Rheinland-Pfalz, sagte Bürgermeister Achim Juchem im Grafschafter Umweltausschuss.

„Starkregenvorsorge geht nur gemeinsam – packen wir es an.“ Mit diesen Worten stellte Bürgermeister Achim Juchem (CDU) am Dienstagabend das brandneue Hochwasserschutzkonzept der Grafschaft in einer Sondersitzung des Umweltausschusses vor. Damit stehe der Gemeinde ein umfangreiches Werk zur Verfügung, das in den kommenden Jahren als Grundlage für die Umsetzung der Vorsorgemaßnahmen dienen werde. „Wir können nun auf ein Produkt zurückgreifen, das eine universale Planungsgrundlage für alle nachfolgenden Bauprojekte im Gemeindegebiet darstellt. Solch ein komplexes und differenziertes Modell dürfte unter allen in Rheinland-Pfalz bisher veröffentlichten Hochwasserschutzkonzepten einzigartig sein.“

Die Umsetzung des Konzeptes, das von der Arbeitsgemeinschaft Kühn Geoconsulting GmbH, Ingenieurgruppe Steen-Meyers-Schmiddem und geoFact GmbH erstellt wurde, ist allerdings kein Pappenstiel, wie Juchem bemerkte. Die bisher als technisch sinnvoll erachteten Maßnahmen summieren sich grob geschätzt auf 40 bis 50 Millionen Euro. Diese gewaltige Summe soll allerdings nicht nur aus eigenen Haushaltsmitteln, sondern auch mithilfe von Fördermitteln des Landes sowie durch Unterstützung der Versicherungswirtschaft gestemmt werden. Dazu will Juchem jetzt Gespräche auch mit den Nachbarkommunen aufnehmen.

Mit Bordmitteln allein würde die Gemeinde 20 Jahre oder länger benötigen, um alle empfohlenen Maßnahmen umzusetzen, rechnete Juchem vor. Die Starkregenereignisse der vergangenen Jahre hätten aber gezeigt, dass eine schnelle und gebietsumfassende Umsetzung sinnvoll sei. Daher werde derzeit überlegt, die Generalplanung für die praktische Umsetzung des Konzeptes an ein externes Ingenieurbüro zu vergeben, das in der Lage sei, die Maßnahmen innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre zu planen und auch umzusetzen. Über die künftige Vorgehensweise wolle man in der zweiten Jahreshälfte 2019 entscheiden. „Eine Zusammenarbeit in dieser Konstellation wäre ein Pilotprojekt in Rheinland-Pfalz“, so Juchem.

Informationsbroschüre mit Ergebnissen

Die Anerkennung des Konzeptes im Gemeinderat soll erst nach der erfolgten Abstimmung mit dem Land sowie den Nachbarkommunen, insbesondere vor dem Hintergrund eines überregionalen Hochwasserschutzes, erfolgen. Doch schon jetzt werden die Ergebnisse in Form einer Informationsbroschüre veröffentlicht. Diese soll in den nächsten Wochen an alle Grafschafter Haushalte verteilt werden. Die Broschüre mit dem Titel „Stark gegen Starkregen in der Grafschaft“ gibt zahlreiche Tipps und Informationen, wie jeder Bürger sich selbst, seine Angehörigen und sein Eigentum vor den Gefahren eines Starkregenereignisses schützen kann. Auch für die Landwirtschaft sowie für Industrie und Gewerbe gibt es eine Reihe von Praxishilfen, insbesondere für kritische Außengebiete. Nicht zuletzt gibt eine „Allzeit-Bereit-Liste“ der Starkregenvorsorge wertvolle Hinweise zum Verhalten vor, während und nach Starkregenereignissen und Sturzfluten.

„Wir wollen mit diesem Konzept kein theoretisches Werk produzieren, sondern wollen es mit Leben füllen, möglichst das gesamte Konzept umsetzen und stetig optimieren und aktualisieren“, erklärte der Bürgermeister. Denn auch das 58 Quadratkilometer große Gemeindegebiet entwickele sich stetig weiter.

Manche Gefahrenpunkte könnten erfolgreich gemildert oder sogar ganz behoben werden, während andere Gefahrenstellen neu hinzu kämen, etwa durch eine weitere Bebauung. Daher gelte es, das Bewusstsein für Problemlagen zu schärfen und Strategien zu entwickeln, wie man das Risiko vermeiden und Schäden eindämmen könne.

Die Broschüre soll nicht nur die Bürger informieren, sondern ihnen auch das notwendige Wissen vermitteln, um aktiv an der Fortschreibung des Hochwasserschutzkonzeptes mitwirken zu können. Außerdem gibt es praktische und leicht umsetzbare Lösungen zur Starkregenvorsorge am eigenen Objekt.

„Denn anders als bei einem Hochwasser, wo die Vorwarnzeit mitunter mehrere Tage und sogar Wochen betragen kann, bleiben einem im Starkregenfall nur wenige Stunden, bis das Wasser an der Haustür anklopft“, erinnerte sich Juchem an die Ereignisse im Juni 2016, als weniger als eine Stunde Zeit und den Betroffenen nicht vielmehr übrig blieb als sich selbst und andere Personen aus dem Gefahrengebiet zu bringen und dann mit anzusehen, wie die Wasser- und Schlammmassen durch die Ortschaft flossen und teils erhebliche Schäden anrichteten. „Doch erst solche Katastrophen und Schicksalsschläge öffnen einem die Augen dafür, dass frühzeitig und am besten dauerhaft Vorsorge betrieben werden muss.“ Bei einem Starkregen gebe es praktisch kaum noch Möglichkeiten, Schaden abzuwenden, daher müssten im Voraus Schutzmaßnahmen geplant und umgesetzt werden.

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