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Weingut Brogsitter in Gelsdorf: Elmar Sermann erklärt den Top-Jahrgang 2018

Weingut Brogsitter in Gelsdorf : Elmar Sermann erklärt den Top-Jahrgang 2018

Das Lesegut war mit einem Spitzenwert von 114 Grad Öchsle qualitativ perfekt. Und auch die Quantität stimmte - mit 25 Prozent mehr Trauben. Brogsitter-Kellermeister Elmar Sermann ist mit dem Jahrgang 2018 überaus zufrieden.

„Kontrolliertes Nichtstun“ nennt Elmar Sermann mit einem verschmitzten Lächeln seine derzeit komfortable Lage beim Ausbau des 2018er-Weinjahrgangs. „Das habe ich hier bei Brogsitter in meinen 34 Jahren als Kellermeister erst einmal erlebt“, schildert er im GA-Gespräch im Weingut in Gelsdorf den Umstand, dass das Lesegut sowohl qualitativ mit einem Spitzenwert von 114 Grad Öchsle als auch quantitativ mit 25 Prozent mehr Trauben perfekt war. „Wenn ich vom heißen Sommer 2003 absehe, habe ich noch nie so viele so gesunde Trauben gesehen – vom Frühburgunder bis zum Riesling“, so der 58-Jährige, der für 33 Hektar des Weingutes Brogsitter, das mit seiner bis ins Jahr 1600 zurückreichenden Weinbauhistorie zu den ältesten und renommiertesten Weingütern Deutschlands gehört, zuständig ist. 220 000 Flaschen werden pro Jahr auf der Grafschaft abgefüllt, mehr als 70 Prozent als Spätburgunder.

So hatte die vollautomatische Traubensortiermaschine, die mit drei Kameras Blätter, Stiele, Käfer, faule oder unreife Beeren im Lesegut – übrigens zu 100 Prozent handverlesen – erkennt und per Luftdruck herauspustet, kaum etwas zu tun. „Der Burgunder, der mit einem Durchschnitts-Öchslewert von 97 aufwarten kann, hat die lange Trockenheit besser verkraftet als der Riesling, alte Rebsorten mit langen, tief in den Boden reichenden Wurzeln besser als junge Anlagen. Zumal wir vom Winter einen guten Wasserspeicher hatten“, so der Weinbauexperte. Die sehr stressfreie Lese mit rund 15 Personen begann am 22. August mit dem Frühburgunder und dauerte bis zum 3. Oktober. Ergebnis: rund 300 000 Kilogramm Trauben.

Auch 2017 habe die Ernte so früh begonnen, allerdings weil das Wetter schlecht war und die Trauben an Qualität zu verlieren drohten. Den Begriff „Jahrhundertjahrgang“ nimmt der erfahrene Kellermeister nicht in den Mund, doch hat seinem Team und ihm zum Vorteil gereicht, dass weder Schimmel noch Fäulnis durch Regen oder die Kirschessigfliege die Trauben bedrohten.

Und wo steht Sermann, der in dem großen, modernen Weingut und der Sektkellerei Herr über einen Barriquekeller mit 200 Eichefässern aus Frankreich und Edelstahltanks mit einem Fassungsvermögen von 27 000 Litern ist, momentan? „Die Gärung läuft bei den Rieslingen, damit sind wir Mitte nächster Woche fertig. Wir beginnen mit dem frühen Abfüllen, zumal Grauburgunder, Blanc de Noir und Spätburgunder Rosé des neuen Jahrgangs Bestandteil des Weihnachtsgeschäftes sind. Gedanken mache ich mir auch derzeit, wie ich die Cuvées zusammenstelle. Eine Beerenauslese des 2018er-Jahrgangs wird es nicht geben. Auch haben wir keine Trauben für einen Eiswein hängen lassen.“

Apropos Holzfässer, die maximal drei Mal belegt werden: In den Top-Lagen wie der Alten Lay oder Kräuterberg in Walporzheim arbeitet das Brogsitter-Team schon das ganze Jahr durch Gipfeln, Grünlese und Laubarbeit auf Premiumqualität hin. Fragt man Sermann nach einem Verbrauchertrend, so ist er mit seinen Kollegen an der Ahr einig: weniger Säure, reduzierter Alkoholgehalt, weniger schwere Spätburgunder. „Das Rotweinfenster wird ob der vielen warmen Monate kleiner. Da machen Weißweine oder Rosé das Rennen. Und deshalb wird an der Ahr auch vermehrt Weißburgunder gepflanzt.“ Mit Blick auf den Klimawandel habe es nämlich das Sorgenkind Riesling mit seiner dünnen Schale schwerer. „Das sind alles Dinge, die wir künftig beobachten und berücksichtigen müssen“, erklärt Sermann. Zum Beispiel: Wie stecken die Reben den kommenden Winter weg, würde er extrem kalt? Wie viel Niederschlag wird fallen? Werden die Stöcke, die sich 2017 ausgeruht und diesmal alles gegeben haben, 2019 zwingend ertragsärmer? Für welche Rebsorten entscheidet man sich an der Ahr mit ihren Schiefer-, Grauwacke- und Lössböden überhaupt?

Sermann: „Versuche laufen mit Unterlagsreben aus dem Mittelmeerraum, die reifeverzögert sind und Trockenheit gut vertragen. Sie sollen Klarheit bringen, was der Spätburgunder mit der Unterlagsrebe macht.“ Auch der Aspekt der Bewässerung der Weinberge bei extremen Sommern werde ein Thema: „Wir müssen nun mal auf der Klaviatur der Natur spielen.“ Warten auf Regen ist auch ein Stichwort, wenn es um die Fertigstellung der Monorackbahn in Walporzheim geht. „Derzeit ist der Boden zu trocken und fest, da bekommen wir die Haken für die Schienen-Zahnradbahn auf einer Länge von 560 Metern zur Überwindung der extremen Steillage nicht in die Erde getrieben“, betont Sermann. Zweites Großprojekt, das das Weingut in Walporzheim vor der Brust hat: Die Sanierung der Weinbergsmauern, die nur für die Brogsitter-Lagen 890 000 Euro verschlingen, wovon 90 Prozent gefördert werden. „Der Anfang ist gemacht, das Projekt wird uns aber Jahre beschäftigen. Die Arbeit in den Steillagen bleibt trotzdem ein Knochenjob, und wir müssen sehen, dass wir Mitarbeiter finden, die das machen.“