Reh Tacoma in Nierendorf: Ein blindes Reh als Haustier

Reh Tacoma in Nierendorf : Ein blindes Reh als Haustier

Seelenruhig frisst ein Reh im Wohnzimmer Apfelstücke. Für die Bauernfamilie Nelles in Nierendorf im Kreis Ahrweiler ist das Alltag. Seit rund einem Jahr lebt das Reh namens Tacoma schon bei ihr – und fühlt sich augenscheinlich wohl.

In freier Natur wäre Tacoma verloren: Das junge Reh ist blind. Als zweiwöchiges Rehkitz wurde das weibliche Tier verletzt aus einer Erdgrube befreit. Über einen privaten Kontakt zu einer Tierklinik fand es zum Aussiedlerhof Karlshof der Familie Nelles. Das Muttertier hätte es nach dem direkten Menschenkontakt nicht mehr angenommen.

Schnell merkte Familie Nelles, dass ihr neuer Hausgenosse nicht sehen konnte. Tacoma stieß anfangs immer wieder an Wände und Gegenstände. Nur über Nase, Ohren und Tastsinn orientierte sich das Rehkitz. Rasch habe es sich die Lage der Hindernisse gemerkt, sagt Margret Nelles.

„Anfangs war das kleine Kitz sehr scheu.“ Am liebsten habe es sich hinter dem Klavier versteckt. Doch dann habe es Vertrauen zu der tierliebenden Familie gefasst. Deren Katzen und Hunde boten sich als Spielgefährten an.

Dass ein Wohnhaus kein idealer Lebensraum für ein Wildtier ist, war der Familie klar. Vor allem spürte sie Tacomas Bewegungsdrang. So begannen die gemeinsamen Spaziergänge – erst nur im Garten, dann auf einer nahen Wiese. Bald waren längere Ausflüge möglich.

„Um Orientierung zu finden, läuft Tacoma zunächst langsam in einem kleinen Kreis, den es kontinuierlich vergrößert, wenn keine Hindernisse auftreten“, hat die 20-jährige Tochter Caroline beobachtet. Dann ändere das Reh seinen Kurs, merke sich die Lage von Hindernissen und laufe schneller.

Margret Nelles erklärt: „Ein Reh ist von Natur aus ein Fluchttier und sehr, sehr vorsichtig allem Neuen gegenüber.“ Wenn es aber Vertrauen gefasst habe, sei es sehr anhänglich. „Manchmal, wenn ich im Stall arbeite, steht Tacoma plötzlich hinter mir und sucht ganz einfach diese Nähe.“ Mitunter ziehe sich das Reh aber auch zurück. Den eigenen Kopf zeige es ebenso beim Futter: Lämmermilch, Trauben, Brombeerblätter oder Äpfel liebe Tacoma. „Aber bitte keine Birne!“

Mittlerweile darf Tacoma allein auf Entdeckungsreise gehen. Meist bleibt das Reh in Sichtweite zum Haus. Es hat sich aber laut Margret Nelles auch schon einmal so sehr verlaufen, dass es über Nacht an einem fremden Ort einschlief. Ein befreundeter Bauer brachte das blinde Reh am nächsten Tag wieder zurück. Es sei im weiteren Umkreis bekannt und werde von Jägern und Landwirten beschützt, versichert Nelles.

1000 Hühner legen nach ihren Worten täglich auf dem Karlshof frische Eier und sorgen für das Einkommen der Familie mit Hunden, Katzen und Hasen. Ihren offensichtlich pragmatischen Umgang mit Tieren sieht auch die zuständige Behörde als akzeptabel an. „Artgerecht ist eine solche Haltung natürlich nicht“, sagt Dieter Kronenberg von der Unteren Jagdbehörde. „Aber im Sinne eines Gnadenerweises für ein schwerbehindertes Tier wird hier wohl keine Behörde einschreiten.“

Man bewege sich in einer rechtlichen Grauzone, für ein nicht behindertes und gesundes Tier wäre eine solche Haltung definitiv nicht artgerecht. „Wenn es gut und liebevoll behandelt wird, kann man allen Beteiligten nur eine gute gemeinsame Zeit wünschen.“

Jetzt, nach einem Jahr, hat das Wildtier längst echte Freunde gefunden. Caroline Nelles lacht: „Unser Rind lutscht ihm manchmal im wahrsten Sinne des Wortes das Ohr ab.“ Der Rottweiler Alaska wiederum habe von Tacoma Verhaltensweisen übernommen: „Oft sieht man draußen auf der Weide beide genüsslich nebeneinander grasen.“

Der Name „Tacoma“ geht übrigens auf einen langwierigen Findungsprozess im Familien- und Freundeskreis zurück. Schließlich setzte sich nach einer USA-Reise der Vorschlag von Caroline Nelles und einer Begleiterin durch: „Tacoma ist eine coole Stadt und ich versprach meiner Freundin auf der Reise, dass unser nächstes Tier Tacoma heißt. Das hat am Ende alle überzeugt.“ (dpa)

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