300 Zuhörer in der Kaiserhalle: Bauchschemerzen - aber keine Gegenwehr

300 Zuhörer in der Kaiserhalle : Bauchschemerzen - aber keine Gegenwehr

Bürgerinitiative "Liebenswerte Grafschaft" informiert zum Thema Innovationspark.

"Ein kleiner Beitrag gegen die Politikverdrossenheit" - so charakterisierte Gerd Jung, Sprecher der Bürgerinitiative "Lebenswerte Grafschaft", die Infoveranstaltung in der Vettelhovener Kaiserhalle unter dem Motto: "Heimat und Natur bewahren". Fast 300 Bürger nicht nur der Grafschaft, sondern auch der umliegenden Kommunen hatten sich eingefunden, um zu hören, wie es mit der Gemeinde künftig weitergehen solle. Der Tenor: Erst mal eine Atempause von mindestens zwei Jahren einlegen und danach schauen, wo man steht und welche Optionen es dann gibt.

Zunächst aber zeigte sich Jung vollkommen erstaunt darüber, "was eine Bürgerinitiative in nur vier Wochen auf die Beine stellen kann." Man habe von Anfang an unheimlich viel Lob eingeheimst, und der Zuspruch zu der Infoveranstaltung sei exorbitant groß. Doch dabei werde auch deutlich, dass das Thema den Leuten auf dem Herzen liege, und dass es sich lohne, sich zu engagieren und für seine Heimat einzusetzen.

"3, 2, 1 - Haribo ist meins", ähnlich wie beim Internet-Auktionshaus Ebay habe es ein Wettrennen der Kommunen um die Ansiedlung des Bonner Süßigkeitenfabrikanten gegeben - und die Grafschaft habe gewonnen. "Alle sahen sich als Sieger, und eine Goldgräberstimmung entstand", erinnerte sich Jung. Dann habe man in einer Art Überkompensation aber übers Ziel hinausgeschossen und neben der ohnehin schon beschlossenen Erweiterung des Innovationsparks Rheinland um 30 Hektar im Anschluss an die Haribo-Fläche noch einmal weitere 80 Hektar in Richtung Eckendorf in den Landesentwicklungsplan eingesetzt.

"Die BI wehrt sich nicht gegen die Haribo-Ansiedlung, wenn auch einige von uns gewisse Bauchschmerzen haben. Wir wenden uns aber gegen die maßlose weitere Ausweisung von Gewerbeflächen", stellte Jung klar.

Ein in der Diskussion befindlicher dritter Autobahnanschluss werde ebenfalls strikt abgelehnt, denn der sei gar nicht nötig für Haribo und stelle nur ein Einfallstor für weitere Gewerbeansiedlungen dar. Dennoch müssten die durch Haribo verursachten Verkehrsströme so schnell wie möglich auf die A61 geleitet werden. "Wir favorisieren die Nullvariante, bei der alles so bleibt, wie es ist", fasste Jung die Meinung der BI zur Verkehrsplanung zusammen. "Wir fühlen uns in der Grafschaft sehr wohl, leben bewusst und gerne hier und wollen, dass ihr ländlicher Charakter auch in Zukunft erhalten bleibt", so Jung. Deshalb brauche man ein gemeinsames Zukunftskonzept für die gesamte Grafschaft und erwarte darüber hinaus eine transparentere Kommunalpolitik. Man sei auch nicht für Stillstand, sondern für eine maßvolle, gesunde Entwicklung. Das unterstützten auch Franz-Josef Schäfer, der Vorsitzende des Kreisbauern- und Winzerverbandes, sowie der landwirtschaftspolitische Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion, Dietmar Johnen, in ihren Statements. Sie hoben dabei besonders auf die Wichtigkeit der wertvollen Grafschafter Ackerböden für die heimische Landwirtschaft ab. "Es kann nicht angehen, dass wir die Grafschafter Apfelplantagen zubetonieren und anschließend die Äpfel aus Australien essen", schüttelte etwa Johnen den Kopf.

Immerhin ein volles Dutzend der aktuellen Gemeinderatsmitglieder war an diesem Abend in der Vettelhovener Kaiserhalle zugegen. "Ich denke, die haben heute Abend gemerkt, woher der Wind weht und was die Bürger wollen", war Juchem zum Schluss überzeugt, dass die Zielsetzung der Bürgerinitiative künftig einen starken Widerhall im Gemeindegremium finden und die künftigen Entscheidungen deutlich beeinflussen werde.

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