Lesung: Aufzeichnungen von Flüchtlingen: "Das Leben ist ein kurzes Wort"

Lesung: Aufzeichnungen von Flüchtlingen : "Das Leben ist ein kurzes Wort"

Die geistliche Abendmusik in der Martin-Luther-Kirche in Bad Neuenahr stand dieses Mal ganz unter dem Zeichen der Flüchtlingsfrage. Pfarrer Thomas Rheindorf trug Literatur aus einer Schreibwerkstatt mit Asylbewerbern vor und Konzertgitarrist Stefan Gymsa unterstrich die Lesungen mit einem virtuosen Rundgang durch die europäische Musik. Das Publikum war sichtlich berührt und konzentriert.

Wie kann man all den anonymen Stimmen Gehör verschaffen, die hinter den Gesichtern stehen, die man allabendlich auf den Bildschirmen der Fernseher sieht? Dieser Frage ist Schriftsteller José Oliver nachgegangen, als er im letzten Winter in Stuttgart eine Schreibwerkstätte für Asylbewerber anbot, mit teils überraschenden Ergebnissen. Neben Alltagsbeschreibungen und religiösen Gedichten sind auch kleine Prosatexte entstanden.

Darin schreiben die namenlosen Autoren an ihre Mütter in der Ferne oder beschreiben die Lebensnotwendigkeit der Nähe des Partners. "Das Leben ist ein kurzes Wort, aber so lang an Erfahrungen", schreibt einer. Ein anderer stellt in berührender Alltäglichkeit fest: "Ich brauche Freiheit, um spazieren zu gehen ohne Angst." Das Publikum folgte gebannt den Texten, die Rheindorf ausgewählt hatte und so sehr war es auch von der Virtuosität des gerade einmal 25 Jahre alten Gitarristen in Bann geschlagen.

Das musikalische Programm schlug einen Bogen durch die gesamte europäische Landschaft und Musikgeschichte. Es begann mit den ruhigen Klängen der Elegie des Ungarn Johann Kaspar Mertz, der im 19. Jahrhundert gewirkt hat. Die Rossiniana Nr. 1 op. 119 des Italieners Mauro Giuliani - ein Komponist des 18. Jahrhunderts - verzauberte die Zuhörer mit virtuoser Spielfreude. Höhepunkt war der Tango "Invierno Porteño" von Astor Piazzolla, dessen Musik passend zu den Lesungen zwischen melancholischem Fragen und aufgehelltem Hoffen hin und her schwankte.

Zeitweise war es so ruhig im Kirchenschiff, dass schon ein Räuspern als Störung empfunden wurde. Der zahlreiche Applaus wirkte wie eine aufatmende Befreiung. Mit Agustin Barrios Mangorés Vals Nr. 4 op. 8 fand die Abendmusik ein versöhnlich-tänzelndes Ende, nachdem Rheindorf abschließend aus einer Rede aus "Des Teufels General" von Carl Zuckmayer zitiert hatte. General Harras stellt darin gegen den Rassenwahn der Nationalsozialisten fest, dass das Beste immer noch aus der Vermischung entstehe.

Dieser teils sehr ernste Abend endete mit einem losgelösten "Prost!"

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