Hotelschließung in Bad Neuenahr: Traditionshotel „Goldener Anker“ weicht Neubau

Hotelschließung in Bad Neuenahr : Traditionshotel „Goldener Anker“ weicht Neubau

Das Bad Neuenahrer Traditionshotel „Goldener Anker“ im Herzen der Kurstadt hat seit wenigen Tagen geschlossen. Es weicht einem Hotelneubau mit einhundert Zimmern und sechs Stadtvillen.

100 Mini-Bars oder 400 Bilder gefällig? Ein paar 100 Betten, Lampen, Tische, Stühle, tausende Teller, Schüsseln oder Gläser? Im Ringhotel „Giffels Goldener Anker“ hat der große Ausverkauf begonnen. Seit wenigen Tagen hat das 150 Jahre alte Traditionshaus im Herzen der Kurstadt geschlossen. Die Inhaber Alice und Toni Giffels setzen sich zur Ruhe.

Wenngleich damit auch eine lange Ära endet, so wird doch auch ein neues Kapitel im Bad Neuenahrer Beherbergungsgeschäft aufgeschlagen: Der Goldene Anker wird komplett abgerissen. An gleicher Stelle entsteht jedoch ein neues Hotel mit einhundert Zimmern und 200 Betten. Außerdem sollen im rückwärtigen Teil des Giffel-Areals sechs Stadtvillen gebaut werden. Sobald der Stadtrat grünes Licht gibt, sollen die Bagger anrollen.

Im einem Palmengarten ähnlichen Atrium, wo noch vor wenigen Wochen Hotelgäste ihr Frühstück oder Abendessen einnahmen und Vereine ihre Versammlungen abhielten, türmen sich derzeit meterhoch Teller und Schüsseln. In großen Kisten befindet sich silbernes Fischbesteck für 150 Personen, daneben lagern hundert silberne Platten, auf denen in den vergangenen 15 Jahrzehnten Fleisch, Wurst und Käse serviert wurden. Weingläser, Sektkelche, Biertulpen, Karaffen, Kaffeekannen, Kerzenleuchter, Vasen: In erster Linie sind es Gastronomen, die gekommen sind, um ihre Bestände mit der Giffel-Hinterlassenschaft aufzustocken.

Neues Hotel mit 200 Betten

Der gesamte Gebäuderiegel an der Mittelstraße soll abgerissen werden und einem Hotelneubau Platz machen. Auf dem rückwärtigen Teil des Grundstückes sind zudem sechs Stadtvillen in der Planung. Foto: Martin Gausmann

„Nächste Woche werden wir die Möbel anbieten“, berichtet Anton Giffel, der das Haus 1969 von seinem Vater übernahm. Seit sechs Generation ist der Goldene Anker im Familienbesitz. Nun ist Schluss. Nicht zuletzt der dramatische Fachkräftemangel und eine nur wenig aussichtsreiche Nachfolgeregelung habe ihn zur Aufgabe gezwungen, so der 81-jährige Hotelier.

Alle 55 Mitarbeiter des Hauses hätten in der Kurstadt oder in naher Umgebung eine Anschlussbeschäftigung gefunden, unterstrich Giffels. Mit Zuversicht könne nun nach vorne geschaut werden. Jedenfalls dann, wenn der Rat der Kreisstadt einer Änderung des Bebauungsplanes zustimmt. Entsprechende Anträge, so Giffels, sollten schon bald beraten werden.

So soll das vorhandene Hotel an der Mittelstraße nebst nebenliegendem Restaurant bis hin zum Beuler Weg abgerissen werden. Ein neues Hotel mit 200 Betten soll auf dem dann freien, fast hundert Meter langen Riegel viergeschossig errichtet werden. Auf dem Hoteldach sei der Bau von fünf Appartements in einem Staffelgeschoss vorgesehen. Unterkellert werde das gesamte Bauvorhaben mit einer Tiefgarage, die 200 Stellplätze biete.

Hotel wurde nach und nach größer

Zwei- bis dreigeschossig, so erklärte Toni Giffels, würden die geplanten sechs Stadtvillen ausfallen, die im rückwärtigen Grundstücksteil des Anwesens gebaut werden sollen. Auch hier seien Staffelgeschosse für zusätzlichen Wohnraum in der Planung.

Eingebettet würde die gesamte Bebauung in einen kleinen Park, der in seiner Mitte von einem goldenen Anker geziert werden soll. Im Frühjahr könnten bereits die Abrissbagger anrollen, glaubt Toni Giffels. Und wenn dann alles nach Zeitplan verlaufe, könnten pünktlich zur Landesgartenschau im Frühjahr 2022 die ersten Hotelgäste in der neuen Herberge willkommen geheißen werden. Wer den dann neuen „Anker“ betreibt, ließ Giffels offen. Jedoch sei das Vorhaben bis ins letzte Detail durchgeplant, es gebe sowohl Investor als auch Betreiber.

Dass eine lange, bis 1869 zurückreichende Familientradition nun zu Ende geht, erfüllt Alice und Toni Giffels mit Wehmut: „Irgendwann muss Schluss sein“, meinen beide übereinstimmend. Als Giffels Vorfahren vor sechs Generationen ihr Haus im Herzen der Kurstadt eröffneten, wurde in Eisenach auf Initiative von August Bebel und Wilhelm Liebknecht der Gründungskongress zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei eröffnet, aus der die deutsche SPD hervorgehen sollte, der Suezkanal wurde freigegeben, der deutsch-französische Krieg mit der Schlacht von Sedan, die schließlich zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs führen sollte, stand vor der Tür. Im kleinen Neuenahr eröffnete in diesem geschichtlichen Rahmen eingebettet ein gewisser Anton Giffels eine Herberge auf einem Grundstück an der Mittelstraße, das bereits 1836 von dessen Vater, einem Korbmacher, erworben worden war.

Das zunächst kleine Hotel wurde nach und nach größer. Spätestens mit der Anerkennung des Städtchens als Heilbad 1927 begann auch für Giffels‘ Hotel der große Aufschwung.

Mehr als 300 Lehrlinge ausgebildet

Da gab es allerdings den „Kaisersaal“ längst, dessen schwere Decke auf 4,5 Tonnen schweren gusseisernen Säulen ruhte, die man mit einem Ochsenkarren aus Remagen geholt hatte. Sechs Meter hoch waren die Kolosse, die den Saal schmückten, in den man hundert Jahre später eine Zwischendecke eingezogen hatte. Umbauten, Anbauten, Erweiterungen folgten: Das Ringhotel Giffels mit seinen 82 Zimmern und 140 Betten boomte.

Weit mehr als 300 Lehrlinge hat die Familie in all den Jahren ausgebildet – sie zogen später als Botschafter besonderer Gastlichkeit in alle Welt hinaus. Zuletzt waren in dem Unternehmen 55 Mitarbeiter beschäftigt, die sich rund um die Uhr um die Gäste kümmerten. Wie viele Gäste mögen seit 1869 dort übernachtet haben? „Sicherlich einige Millionen“, rechnete der frisch gebackene Ruheständler vor.