Interview mit Friedhelm Nelles: Steillagen an der Ahr als Herausforderung

Interview mit Friedhelm Nelles : Steillagen an der Ahr als Herausforderung

Friedhelm Nelles geht nach 38 Jahren bei der Ahr-Winzergenossenschaft in den Ruhestand und spricht über die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte.

Ist Ihr Haus bestellt?

Friedhelm Nelles: Ja. Mein Vorgänger Ernst Bender überließ mir schon 2005 ein gesundes Unternehmen. Das kann ich jetzt guten Gewissens an das Geschäftsführer-Duo Thomas Monreal und Kellermeister Günter Schüller übergeben. Und auch die beiden sind ja ein seit vielen Jahren eingespieltes Team. Zwei Säulen machen unseren Erfolg aus: die gute Arbeit der Mitarbeiter und das hohe Engagement der Winzer. Die Genossenschaft zeichnet sich deutschlandweit als einzigartig aus, weil mehr als 90 Prozent der Winzer im Nebenerwerb die Arbeit im Wingert verrichten.

Was waren für Sie Meilensteine?

Nelles: Ganz klar die Investitionen von 3,5 Millionen Euro in die Traubenannahme, den Umbau der Vinothek, die Renovierung des Culinariums mit Saal, die Eventhalle an der Kirche und der Johanneskeller. Wir standen vor der Wahl, das Dernauer Restaurant und Saal umzubauen oder zu schließen. 20 Jahre lang war nichts passiert, die Küche überaltert, der Bus-Tourismus, der bis dato den Saal üppig füllte, rückläufig. In den 1980er-Jahren war es günstiger nach Mallorca zu fliegen als an die Ahr zu fahren. Kurzarbeit, durch Frost dezimierte Ernten, das alles haben wir auch erlebt. Dann kam die EU-Mengenregulierung, verbunden mit großen Einschnitten, die aber auch ein Umdenken hin zur Qualität erforderte. Ohne die von oben aufgestülpten Gesetze wären wir heute nicht auf dem hohen Qualitätslevel und in der internationalen Weinwelt so anerkannt. Auch in schweren Zeiten hielt das Team zusammen, lebte den Genossenschaftsgedanken, jeder trug sein Scherflein zum Gelingen bei. Heute ernten wir statt 180 Kilogramm nur 110 pro Weinstock, Mitte des Jahres sind manche Sorten schon „ausgetrunken“.

Was hat sich im Handel gewandelt?

Nelles: Der Kampf um den Markt wird härter. Es ist Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass es beim Discounter Weinflaschen für zwei Euro gibt. Es gilt, die Kunden auch in Jahren, in denen die Ernten geringer ausfallen, zufrieden zu stellen. Sonst werden die Regale schnell mit Auslandsweinen gefüllt. Der Einzelhandel nahm mehr und mehr die Position des Weinhändlers ein. Auch hier bei uns an den Ladentheken gibt es einen Wandel bei der Käuferschaft. Früher kamen die Stammkunden zwei- bis dreimal im Jahr ausschließlich zu uns, heute öffnen sie ihren Kofferraum und waren zuvor schon bei vier anderen Winzern. Bei gleichbleibendem Pro-Kopf-Verbrauch von 21 Litern pro Jahr.

Wie vermarktet die WG die jährlich rund 1,4 Millionen Liter an Wein, Sekt, Traubensaft und Branntwein?

Nelles: 53 Prozent an den Endverbraucher, 27 an den Lebensmitteleinzelhandel, der Rest an Weinfachhandel, Gastronomie und Export.

Die vergangenen drei Jahre wurden nach der Millionen-Investition in Dernau zur Konsolidierung genutzt. Wo stehen weitere Investitionen an?

Nelles: Zum Beispiel in die Kellerräume des Weingutes Kloster Marienthal, das wir als Quartett mit der Winzergenossenschaft Mayschoß-Altenahr, den Weingütern Meyer-Näkel sowie Brogsitter 2004 vom Land übernommen haben. Wir sind froh, diesen Schritt getätigt zu haben, bevor japanische Investoren den Zuschlag erhalten konnten. Dieser Zusammenschluss mit den Kollegen ist geprägt von einer sehr partnerschaftlichen Zusammenarbeit und einem fairen Miteinander.

Worin sehen Sie die Herausforderung der Zukunft?

Nelles: In der Motivation der Jungwinzer-Generation. Viele jüngere Mitglieder sind am Start, das Interesse ist groß. Das sieht man allein in der „Mission Steillage“ mit rund 35 Jungwinzern, die gerade ihren zweiten eigenen Wein auf den Markt gebracht haben. Um zu motivieren, zahlen wir gutes Traubengeld. Trotzdem gilt es, sie aufgrund der Steillagen darin zu ermutigen, den Weinberg weiter zu bearbeiten. Daher plädiere ich auch für den Erhalt der Hubschrauberspritzung, sonst bleiben mehr und mehr Parzellen künftig brachliegen.

Wie sieht Ihr Ruhestand aus?

Nelles: Entspannt. Mit Arbeit, gemeinsam mit meiner Frau in unseren Dernauer und Bachemer Weinbergen mit Spätburgunder und Acolon, einer Kreuzung aus Lemberger und Dornfelder. Wandern, zum Beispiel mit dem Dernauer Wanderclub, Radfahren, Kurzurlaube und Zeit für die Enkel werden künftig meinen Alltag bestimmen. Und Wein trinken: im Sommer einen Blanc de Noir, im Winter den Spätburgunder „FS“ vom Bachemer Karlskopf.

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