GA-Klimazeitung: Das sind Maßnahmen gegen Starkregen in Grafschaft

GA-Klimazeitung : Das sind Maßnahmen gegen Starkregen in Grafschaft

Im Interview mit Bürgermeister Achim Juchem äußert sich dieser zum neuen Starkregenkonzept der Gemeinde Grafschaft. Dort hatte es 2016 nach Überschwemmungen starke Schäden gegeben.

Früher hieß es Wolkenbruch, heute Starkregenereignis. Diese kommen in der Regel punktuell vor. Vor drei Jahren hat es die Gemeinde Grafschaft erwischt, die sich jedoch schon vorher mit dem Thema „Schutz bei Starkregenereignissen“ befasst hatte. Mit Bürgermeister Achim Juchem sprach über die Konsequenzen.

Der Starkregen im Juni 2016 hat die Grafschaft böse erwischt. Wie hoch war der Schaden? Was waren die schlimmsten Schäden? Was hat die Gemeinde getan, um den Menschen zu helfen?

Achim Juchem: Die Summe der einzelnen Schäden von rund 100 betroffenen Haushalten in insgesamt zehn Orten der Grafschaft sowie an der Infrastruktur der Gemeinde ging in die Millionen. Alleine für Reparaturen und Verbesserungen an Rückhaltebecken, Bachläufen und Wirtschaftswegen hat die Gemeinde seitdem rund 5,6 Millionen Euro investiert. Die Reparaturkosten der betroffenen Häuser und Wohnungen dürften noch deutlich höher liegen. Nach dem Unwetter vom 4. Juni 2016 galt es in den ersten Tagen aber zunächst, den betroffenen Bürgern zu helfen. Dank vieler Einzelspenden, einer Reihe von Benefizveranstaltungen und Eigenmitteln der Gemeinde war dies recht unbürokratisch möglich. Gleichfalls haben viele Mitmenschen beim Aufräumen kräftig angepackt und im Schulterschluss von Landkreis und Gemeinde wurde bergeweise zerstörter Hausrat entsorgt. Dank der guten Verbindungen des Grafschafter DRK konnten auch kurzfristig in größerer Anzahl Bautrockner zur Verfügung gestellt werden.

Seit einigen Wochen liegt das Starkregenkonzept der Gemeinde allen Haushalten vor. Wie lange hat es von der Initiierung durch die Politik bis zur Fertigstellung gebraucht?

Juchem: Mit Beteiligung des Landes, mehrerer Ingenieurbüros unterschiedlicher Fachrichtung und viel Eigeninitiative waren es rund vier Jahre.

Was waren die Schritte zum Ziel?

Juchem: Nach der Abstimmung des Förderrahmens des Landes und der Anerkennung der Zielsetzung der Gemeinde Grafschaft wurden zunächst unter Beteiligung eines Fachbüros mehr als 100 mögliche Einzelmaßnahmen zur Verbesserung der Starkregenvorsorge in der Grafschaft identifiziert. Unter großer Beteiligung der Bürger wurden diese Maßnahmen in mehreren Workshops und Ortsbegehungen vorgestellt, diskutiert und ergänzt. Unter Beteiligung weiterer Ingenieurbüros wurde dann auch unter Zuhilfenahme der Erstellung eines recht genauen Geländemodells und der Neuvermessung unseres Kanalnetzes überprüft, welche Maßnahmen grundsätzlich umsetzungsfähig sind. Gleichfalls wurden erste Gespräche mit den Nachbarkommunen Bad Neuenahr-Ahrweiler, Remagen und Wachtberg geführt, um einerseits das Zusammenspiel der einzelnen Starkregenkonzepte zu gewährleisten und andererseits Möglichkeiten eines übergebietlichen Hochwasserschutzes zu erörtern. Alle Einzelaspekte einschließlich dem notwendigen Hintergrundwissen wurden schließlich neben dem ingenieurtechnischem Hochwasserschutzkonzept in einer umfassenden Bürgerbroschüre „Stark gegen Starkregen“ zusammengefasst.

Wie sind die Kernaussagen und wer ist alles in der Pflicht?

Juchem: So unbefriedigend es sich auch anhört, die wichtigste Kernaussage in jedem Hochwasserschutzkonzept ist zunächst: Einen hundertprozentigen Hochwasserschutz gibt es nicht. Dafür sind sowohl die Launen der Natur als auch das Handeln der Menschen einfach nicht verlässlich vorhersagbar. Aber: In dem Starkregenkonzept sind alle heute sinnvoll denkbaren Schutzansätze erfasst. Werden diese konsequent umgesetzt, verbessert sich der Schutz der Grafschafter deutlich. Dabei ist grundsätzlich jeder gefordert, seinen Beitrag zu leisten.

Wenn alle Maßnahmen umgesetzt würden, auf welche Summe und welchen Zeitraum kommen Sie?

Juchem: Nach einer groben Schätzung mit vielen Unwägbarkeiten steht wohl eine Investitionssumme in der Größenordnung von rund 40 bis 50 Millionen Euro im Raum. Werden die zahlreichen Maßnahmen entsprechend den sonst üblichen haushaltsrechtlichen und fördertechnischen Gegebenheiten umgesetzt, dürften wohl 25 bis 30 Jahre ins Land gehen. Gerade mit Blick auf die in den letzten Jahren auch in Deutschland entstandene Starkregenzeit im Mai und Juni müssen die Schutzmaßnahmen deutlich schneller umgesetzt werden. Um dies zu erreichen, prüft die Gemeinde Grafschaft derzeit den Einsatz eines besonderen haushaltsrechtlichen Instrumentariums und die Vergabe des gesamten Leistungspaketes an eine Planungs- und Ausführungsgemeinschaft. In Abhängigkeit der einzelnen Genehmigungsverfahren wäre das Grafschafter Gesamtpaket dann in einem Zeitraum von etwa acht bis zehn Jahren umsetzbar.

Schutz vor Starkregen geht alle an, auch wenn es diese Ereignisse zum Glück nicht jährlich gibt. Wie haben die Grafschafter Bürger reagiert?

Juchem: Unmittelbar nach den Starkregenereignissen war die Hilfsbereitschaft jeweils sehr hoch. Insgesamt war auch die Mitwirkungsbereitschaft bei der Konzepterstellung sehr groß und inhaltlich durch die Bank weg auch sehr gut. Das dabei auch schon einmal unterschiedliche Interessenlagen aufeinander treffen, liegt in der Natur der Sache. Besonders positiv hervorzuheben ist die Mitwirkungsbereitschaft unserer Landwirtschaft auch über die Konzepterstellung hinaus. Eine Reihe von Maßnahmen werden sich zeitnah nur im Schulterschluss mit der Landwirtschaft umsetzen lassen, da hierfür beispielsweise landwirtschaftliche Flächen benötigt werden.

Und was sind die nächsten Schritte der Gemeinde, die ja von Ministerpräsidentin Malu Dreyer Lob für ihr Konzept erhalten hat?

Juchem: Aktuell steht neben der engeren Abstimmung mit den Nachbarkommunen die Prüfung und Anerkennung des Starkregenkonzeptes durch das Land an. Da wir in Abstimmung mit dem Land mit einigen Maßnahmen bereits vor der Konzepterstellung beginnen durften, befinden wir uns aktuell in der Planungsendphase für die Umgestaltung der Bachaue in Niedernierendorf. Da bei dieser Maßnahme im größeren Umfang Erdmassen bewegt werden müssen respektive im Überschuss anfallen werden, ist diese Maßnahme in enger Abstimmung mit dem Ausbau der Landesstraße mit Fahrradweg vom so genannten Deutschen Eck bis zum Ortseingang Nierendorf als auch mit der Planung des weiteren Rückhaltebeckens mit neuer Brücke zwischen Leimersdorf und Birresdorf in der Abstimmung. Nach der Anerkennung des Starkregenkonzeptes durch das Land wird der neu gewählte Rat über die zeitliche Abarbeitung der einzelnen Maßnahmen sowie die jährlichen Haushaltsmittel beraten.