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Vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Ahrweiler Kreishaus zeigt Ausstellung zum Frauentag

Vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart : Ahrweiler Kreishaus zeigt Ausstellung zum Frauentag

Eine Präsentation im Ahrweiler Kreishaus zeigt die vielen Gesichter der Frauenarbeit von der Industrialisierung bis heute. Referentinnen gehen auf die Geschichte des Kampfes der Frauen für ihre Rechte ein.

„Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ steht im Grundgesetz. Dieser schlichte Satz von außerordentlicher Bedeutung ist Elisabeth Selbert zu verdanken, einer der vier Mütter des Grundgesetzes. Dass seine Umsetzung bis heute anhält, verdeutlicht die Ausstellung „Frauenarbeit hat viele Gesichter“ des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KFDB), die zum Internationalen Frauentag 2020 bis Ende März im Foyer der Kreisverwaltung gezeigt wird.

Sie dokumentiert die Entwicklung der Frauenarbeit von der Industrialisierung im 19. Jahrhundert bis zur Arbeitswirklichkeit der Gegenwart. Vor allem der Einkommensunterschied zwischen Frauen und Männern bleibt ein wichtiges Thema. „Solche Ausstellungen schärfen das Bewusstsein dafür, wie schwer Gleichberechtigung einst erkämpft worden ist, sei sie aus heutigem Blickwinkel auch noch so selbstverständlich“, sagte Jürgen Pföhler zur Eröffnung. „Sie machen auch bewusst, dass mit einer rechtlichen Gleichstellung nicht automatisch eine tatsächliche Gleichstellung in allen Lebenslagen einhergeht“, so der Landrat.

Die Gleichstellungsbeauftragte des Kreises, Rita Gilles, betonte, der 1911 auf dem 1. Internationalen Frauentag von Frauen geforderte gesetzliche Mindestlohn sei 2015, gut 100 Jahre später, erreicht worden. „Eine weitere Forderung ist jedoch bis heute nicht erfüllt: gleicher Lohn bei gleicher Arbeitsleistung.“ Fortschrittlich ist Deutschland in dieser Hinsicht mitnichten. Gilles: „Frauen verdienen durchschnittlich 21 Prozent weniger als Männer. In nur zwei Ländern in der EU ist der Entgeltunterschied größer.“ Nach dem Equal Pay Day, der den geschlechtsspezifischen Entgeltunterschied markiert, müssten Frauen bis zum 17. März arbeiten, um das zu verdienen, was Männer schon bis Silvester 2019 verdient haben. „Es gibt noch viel zu tun auf dem Weg zur Gleichberechtigung“, stellte Gilles fest.

In ihrem Vortrag vermittelte Margret Faß-Kunath, mit Stefanie Peters Kuratorin der Ausstellung, eindrucksvoll deren Inhalte und Anlass. Für das Karl Marx-Jahr 2018 in Trier erkannten die beiden Mitglieder des KFDB-Diözesanvorstands die Notwendigkeit, Frauenarbeit herauszustellen. „Denn der Philosoph und Sozialkritiker war ganz ein Mann seiner Zeit und sah Frauen in ihrer klassischen Rolle.“ Ehefrau Jenny lektorierte seine Texte, führte die Korrespondenz und hielt ihm den Rücken frei. Tochter Eleonore war ganz auf seine Interessen abgestellt.

Gerade zu dieser Zeit aber seien Frauen aus wirtschaftlicher Notwendigkeit verstärkt in die Erwerbsarbeit eingestiegen. Die 13 Roll Ups stellen kompakt und prägnant die Stationen der Frauenarbeit vor. Während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert waren die Frauen in Heimarbeit beschäftigt und in den Städten in den Fabriken. Denn von den ständig sinkenden Löhnen der Männer – Tarifpolitik und Arbeitsverträge gab es nicht – konnten die landflüchtigen Familien allein nicht leben. „Natürlich“ verdienten die weiblichen Kräfte damals weniger als die männlichen. Frauen des Bürgertums bestritten hauswirtschaftlich und musisch ihr Leben, wollten aber mehr, nämlich sowohl Bildung als auch politischen und sozialen Einfluss. Zu den wichtigen Persönlichkeiten für diese Entwicklung zählen zum Beispiel Louise Otto Peters, die Mitbegründerin der Frauenbewegung, Helene Lange, die gleiche Berufs- und Bildungschancen für Frauen forderte, Dr. Hope Bridges, die erste Frau in Deutschland mit Medizinstudium, die den Frauen vom Korsett abriet, Hedwig Dohm, die schon in den 1870ern völlige rechtliche, soziale und ökonomische Gleichstellung verlangte und als Kämpferinnen für Frauenwahlrecht und gleiche Entlohnung Rosa Luxemburg und Clara Zetkin.

1918 hatten die Frauen das Wahlrecht erhalten und waren mit acht Prozent im Ersten Deutschen Reichstag vertreten. Der Nationalsozialismus schickte sie jedoch wieder an den Herd, förderte den Mutter-Mythos und verlieh das „Mutterkreuz“ an Kinderreiche. Während des Zweiten Weltkrieges aber durften sich deutsche Frauen an der Heimatfront einbringen und nach dem Krieg waren sie zum Hamstern, Kohlenklau und Wiederaufbau gefragt. Dann ging es bergauf dank des Grundgesetzes. Aber noch in den 1950ern konnte der Mann über das Einkommen der Ehefrau verfügen und bis in die 1970er durfte eine Frau nur arbeiten, wenn der Mann es erlaubte.

So entsprach auch die „Hausfrauenehe“ in den 1950er und 1960er Jahren den gesellschaftlichen Erwartungen. Aber mehr Frauen studierten und eine zweite Frauenbewegung, ausgelöst durch den legendären „Tomatenwurf“ von Sigrid Röder auf Genossen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, trat in der BRD ein für ein neues Selbstverständnis von Frauen und gegen patriarchalische Strukturen und Diskriminierung von Frauenarbeit. Heute bilden Minijob und Teilzeitarbeit, ungleiche Karrierechancen und niedrigeres Entgelt einen Teil bestehender Probleme. Girls’ Day und Ada Lovelace-Projekte machen den Mädchen Mint-Berufe schmackhaft. Im Zeichen der Digitalisierung, der sogenannten Arbeitswelt 4.0 mit Robotik und IT, eine dominant maskuline Sphäre, stehen neue Veränderungen an. Nicht zuletzt thematisierte Faß-Kunath die für die Gesellschaft und für die Erwerbsarbeit unverzichtbare, unbezahlte Arbeit: „Sie ist meist weiblich und macht ein Drittel des Bruttosozialproduktes aus, ohne dort erwähnt zu werden.“