Auf den Spuren der Rinderhirten: Gangpferdezentrum Aegidienberg bietet Working Equitation

Auf den Spuren der Rinderhirten : Gangpferdezentrum Aegidienberg bietet Working Equitation

Die junge Disziplin Working Equitation lässt Reitertraditionen aus Südeuropa wieder aufleben – auch im Siebengebirge.

Auf ihrer Heimatinsel am Polarkreis werden Islandpferde seit Jahrhunderten zum Treiben der Schafe aus dem Hochland eingesetzt. Mit Rindern hat die robuste Ponyrasse traditionell wenig zu tun. Gut, dass der Kampfstier in der Reithalle des Gangpferdezentrums Aegidienberg in Bad Honnef nur aus schwarz bemaltem Sperrholz besteht.

Gelassen läuft Islandpferd Haukur auf die Attrappe zu, während Reiterin Ilona Denk mit einer langen Bambusstange in den Eisenring auf dem Rücken des Stiers zielt. Klirrend rutscht der Ring über den Holzstab. Das erste Hindernis ist gemeistert.

Die Reiter in Aegidienberg üben im regelmäßigen Unterricht und speziellen Lehrgängen die Grundlagen der sogenannten Working Equitation. Die junge Reitsportdisziplin wurde von Portugiesen und Spaniern in den vergangenen Jahren entwickelt.

Reitertradition drohte, in Vergessenheit zu geraten

Mit der Modernisierung der Landwirtschaft ist das Hüten und Treiben der Rinder zu Pferd in Südeuropa nicht mehr notwendig. Die alten Reitertraditionen drohten, in Vergessenheit zu geraten. Aus dieser Situation entstand die Idee, aus einer Kombination verschiedener regionaler Arbeitsreitweisen einen neuen Sport zu entwickeln - samt Verband, Standards und Reglements für Turniere.

Die Reiterei auf den Spuren der Rinderhirten hat schnell Anhänger gefunden. Gangpferde wie in Aegidienberg, die neben den drei Grundgangarten Schritt, Trab und Galopp oft auch noch den Viertakt Tölt beherrschen, sind dabei allerdings noch die Ausnahme. „Auf den großen Turnieren starten neben portugiesischen und spanischen Pferden vor allem Warmblüter“, sagt Working-Equitation-Trainer Stephan Vierhaus aus Hünxe.

Die Hindernisse sind für alle Pferderassen dieselben: Der Reiter muss etwa vom Pferd aus ein Tor öffnen, durchreiten und wieder schließen. Ein Parcours aus Stangen soll rückwärts durchritten werden oder im sogenannten Pferch ein enger Kreisbogen geschlagen werden. Bei der Brücke darf sich das Pferd nicht von den Geräuschen der Huftritte auf dem Holzboden irritieren lassen, im Stangenslalom ist Wendigkeit gefragt.

Gute Noten gibt es im sogenannten Speedtrail für Geschwindigkeit, vor allem zählen in der Working Equitation aber Stil und flüssige Gänge. Wie bei den Viehhirten auf den Weiden der Kampfstiere sollen die Pferde schnell und willig auf die Hilfen des Reiters reagieren.

Überzeugt vom praktischen NUtzen

Marlies Feldmann vom Gangpferdezentrum Aegidienberg ist vom praktischen Nutzen der Working Equitation überzeugt – für alle Pferderassen: „Ich setze die Trailhindernisse gerne im Reitunterricht ein“, sagt Feldmann, die das Gestüt mit ihrer Familie betreibt. „Durch die unterschiedlichen Hindernisse machen Dressurübungen wie das Rückwärtsrichten für Pferde und Reiter viel mehr Sinn.“

Die Bonnerin Ilona Denk will mit ihrem Isländer in diesem Jahr auf Turnieren in der Working Equitation starten. Das Training bringt sie jedoch auch im Alltag mit ihrem Pferd voran: „Hier zählen Gehorsam und Vertrauen“, sagt Denk. „Ich selber achte deutlicher auf die Signale des Pferdes, sonst könnte man die schnelle Abfolge von unterschiedlichen Hindernissen gar nicht bewältigen.“

Wenn sie mit der Holzlanze, der „Garrocha“, Kurs auf den Stier nimmt, erinnert es ein wenig an Ritterspiele. Der Hintergrund dieser Trailaufgabe ist jedoch ein ganz anderer: „Die Hirten der Kampfstiere haben die Rinder mit den Stangen vom Pferd aus umgeworfen“, erklärt Trainer Vierhaus. „Nur die Rinder, die sich gegen den Angriff aggressiv zu Wehr setzten, wurden zur Zucht zugelassen.“ Wer sich aufrappelte und davontrabte, war als Kampfstier unbrauchbar.

Heute wird mit den Rindern in der Working Equitation deutlich sanfter umgegangen. Arbeit mit Kühen gehört zu den optionalen Prüfungen auf Turnieren. Dabei müssen meist einzelne Tiere aus der Herde separiert werden. Nur wenige Reiterhöfe leisten sich für diesen Zweck den Luxus einer eigenen kleinen Kuhherde.

Weltmeisterschaft in München

Die Rinderarbeit zählt neben der Dressur, dem Stiltrail und dem Speedtrail zu den Disziplinen, in denen die Reiter bei der Working Equitation Weltmeisterschaft vom 10. bis 13. Mai in München gegeneinander antreten. Veranstalter ist der erst 2012 gegründete Verein Working Equitation Deutschland.

„Das Interesse an diesem Sport ist gerade im vergangenen Jahr noch einmal deutlich gewachsen“, sagt der Vereinsvorsitzende Markus Grüter. Auch wenn die derzeit vom Verein geschätzten 20 000 Interessenten für die junge Disziplin angesichts von rund vier Millionen Reitern in Deutschland noch Exoten sind.

Familiäre Atmosphäre bei Turnieren

Für viele mag das gerade der Reiz sein: „Die Atmosphäre bei den Turnieren ist sehr familiär“, sagt Grüter. Statt Dressurfrack und Zylinder wird gerne Weste und Baskenmütze getragen. Tradition verpflichtet.